Meine Meinung

Brief aus Trumpland USA

Seit dem Tag der US-Präsidentenwahl halte ich mich in den USA auf und habe bei Freunden außerhalb New Yorks in White Plains/Chappaqua gewohnt, wo auch, gerade um die Ecke, die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton und ex-Präsident Bill Clinton wohnen. Hillary Clinton war sich ihrer Sache so sicher, dass sie schon ein Feuerwerk in New York vorbereiten ließ, mit dem sie ihren Sieg feiern wollte. Doch als wir uns am andern Tag zum Frühstück trafen, sagten unsere Freunde, Trump sei’s geworden. Der Sieg von Trump war für fast alle eine Überraschung und für viele geradezu ein Schock, sogar für viele Trump-Wähler – nicht zuletzt sogar für Trump selbst. Hatten doch die Prognosen der Demoskopen und Medien einen klaren Sieg Clintons vorausgesagt. Sie lagen allesamt schief – wie beim Brexit.

Doch die Börsen in den USA haben sich schnell auf die neue Lage eingestellt und haben die US-Aktienindices von einem Allzeithoch zum nächsten katapultiert.
Das gilt allerdings nicht für die Börsen in Europa und Asien, wie ein Blick auf die Entwicklung der Indices seit Jahresanfang zeigt:

Dow Jones   + 10,1 %
S&P 500   + 7,2 %
NASDAQ Comp.    + 4,9 %
Russell 2000 (Small Caps)   + 15,7 %
Stoxx Europe 600   – 6,8 %
DAX   – 1,9 %
Nikkei   – 2,7 %
Shanghai   – 7,5 %

Die US-Börse feiert schon im Voraus Trumps Wirtschaftsprogramm: Steuersenkungen, die Beschneidung des Regulierungsdschungels, die lascheren Bankenregeln und das massive Infrastrukturprogramm (Straßen, Brücken, Tunnel, Flughäfen, etc.). Trump will in die Fußstapfen von Präsident Ronald Reagan treten. Sogar sein Wahlslogan „Make America Great Again“ stammt von Reagan 1980.

Dass aber die europäischen und asiatischen Börsen seit Trumps Wahl praktisch unverändert auf der Stelle treten – die europäischen durchweg im Minus (Ausnahme UK mit + 8,2 %!), die asiatischen teils im Minus, teils leicht im Plus – ist schon eine Reaktion auf Trumps angekündigte protektionistische Maßnahmen. Mit seinem Motto „America First“ droht er mit Kündigung von Handelsverträgen oder Erhebung von massiven Zöllen als Gegengewehr gegen Preisdumping oder unfaire Handelspraktiken.

Da Trump weder in der Politik noch im Militär administrative Erfahrung hat, wird seine Politik sowohl in der Substanz als auch im Stil anders sein als bisher üblich. Wenn er Erfolg haben will, muss er sich erfahrene „Politikos“ in die Regierung holen. Er selbst wird eher den Chairman of the Board als den Chief Executive Officer spielen – also eher den Aufsichtsratschef als Vorstandschef. Das entspricht auch seinem krankhaft narzisstischen Charakter. Er will immer der Sieger sein und er ist dünnhäutig und verträgt keine Kritik. Gefragt,  ob er einige der Aussagen die er im Wahlkampf gemacht hatte, bedaure, antwortete er, „Nein, ich habe gewonnen!“. Er braucht den Beifall, wie die Luft zum Atmen. Daher werden seine Reden und Entscheidungen immer auch davon geleitet sein, wo ihm der meiste Beifall winkt. Showmanship!

Inzwischen läuft seine Inszenierung der Personalauswahl für sein Kabinett und den politischen Apparat. Seine bisherigen Berufungen sind ein Gemisch aus Teilen vom Partei-Establishment, Neureichen aus der Geschäftswelt und der Wall Street und weiße Nationalisten.

Schon bei seinen Personalentscheidungen fällt auf, wie weit seine großmäuligen Worte beim Wahlkampf von seinen Taten auseinanderklaffen. Die Wall Street hatte er einen Sumpf genannt, den er austrocknen werde, und dabei war die Investmentbank Goldman Sachs sein bevorzugter Prügelknabe. Aber just aus diesem Sumpf hat er sich Personal geholt und ausgerechnet von Goldman Sachs: Der Finanzminister Steven Mnuchin war ein ehemaliger Partner bei Goldman und sein politischer Chefstratege Stephen Bannon, ein Rechstradikaler, hat ebenfalls früher bei Goldman gearbeitet. Ein dritter Kandidat – ebenfalls von Goldman – ist schon im Gespräch.

Ich denke, dass diese Kluft zwischen seiner Phantasterei und der Realität sich in seiner Amtszeit immer wieder zeigen wird. Trumps radikale Steuerpläne sehen vor, die Einkommensteuer von 39,6% auf 33% zu senken und die Unternehmensteuer von 35% auf 15%, die Kapitalgewinnsteuer (Abgeltungsteuer) ebenfalls zu senken und die Erbschaftsteuer abzuschaffen. Würde er das alles durchbringen, wäre dies der größte Steuererlass seit Reagan 1986 für die Wohlhabenden – einschließlich ihn selbst!
Nahezu die Hälfte von Trumps Steuersenkungen würde an die Top 1% Amerikas gehen. Trumps Wähler der Unterschicht und Globalisierungsgeschädigten im sogenannten „Rostgürtel“ Amerikas, die in Trump  ihren Messias sahen, werden am Ende nur mit Brosamen abgespeist werden.

Selbst wenn seine grandiosen Pläne nur mit Abstrichen den Kongress passieren werden, können wir davon ausgehen, dass sie noch immer die radikalsten politischen Änderungen seit Ronald Reagan 1986 darstellen. Sie werden auf jeden Fall mehr Wachstum generieren, aber auch marginal mehr Inflation. Als Folge würde die Fed die Zinsen schneller anheben als bisher gedacht. Das hat Fed-Chefin Janet Yellen schon angedeutet.

Die Zeichen stehen also auf mehr Wachstum, mehr Inflation, höhere Zinsen und zunächst – solange die Zinsdifferenz zwischen den USA und der Eurozone so hoch ist – auch auf einen höheren Dollar. Das wird auch den Aktienbörsen mehr Auftrieb geben. Die Umschichtung – raus aus verlustbringenden Anleihen, hinein in Aktien – wird den Börsen einen zusätzlichen Schub geben.

Was bedeutet Trumponomics für die Welt und besonders für Europa?

Mit Trump, dem Brexit und dem negativen Ausgang des Referendums in Italien beginnt eine neue Zeitrechnung auch für die EU.
Zunächst zur Geldpolitik: Draghis Deflationsgespenst ist passé. Irgendwann muss die EZB von der Null- und Negativzins-Episode Abschied nehmen und ebenfalls die Zinsen anheben. Für Deutschland ist dann auch Schluss mit der „Goldilocks“-Phase und der schwarzen Null im Budget. Denn die hat sich Schäuble nicht erarbeitet – sie fiel ihm dank der desaströsen Geldpolitik der EZB in den Schoß.

Zieht man noch in Betracht, dass sich quer durch Europa politisch eine immer stärkere konservative Front bildet – vom deutschen sozialstaatlichen Establishment hochmütig als „Populisten“ gebrandmarkt – dann beginnt mit den Trumponomics, dem Brexit und dem negativen Ausgang des Referendums in Italien eine neue Zeitrechnung. Die Austeritätspolitik à la Merkel/Schäuble ist beendet. Die Verschuldung wird wieder zunehmen. Der Euro steht vor einer Zerreißprobe. Bleibt man mit Hängen und Würgen beim Euro und schleppt alle „Fußkranken“ durch, wird Europa im Kontrast zu den USA und Asien „alt“ aussehen. Um Angela Merkel wird es einsam. Sollte sie im Herbst 2017 wiedergewählt werden, wovon man ausgehen kann, dann wird ihre 4. Amtszeit ihre schwierigste.

Trump wird die Europäer in Sachen NATO und Verteidigung – an erster Stelle Deutschland – zur Kasse bitten. Das wird teuer. Dann ist auch Schluss mit der Verteilung von verschwenderischen Sozialgeschenken.

Die Börsen sind der Lichtblick in der ansonsten trüben politischen Landschaft. An der Wall Street spielt man den Wachstumsschub, den Trumps Wirtschaftspolitik auslösen wird, bereits ganz konsequent. Die Rekordjagd hat die ganze Breite des Aktienmarkts erfasst, Standardwerte und noch viel stärker die Nebenwerte. Dabei haben Value-Aktien, also Dividendenwerte mit niedriger Bewertung, klar die Nase vorn – eine Tendenz, die angesichts der Zinserhöhungen der Fed noch lange anhalten dürfte.

Trotz der Struktur- und Konjunkturschwäche Europas dürfte der Börsenaufschwung mit Verzögerung auch bei den europäischen Aktien ankommen. Der Hauptgrund liegt in der Bewertung.

In den USA geht eine lange Phase der Stagnation der Unternehmensgewinne zu Ende und 2017 werden Gewinnsteigerungen im zweistelligen Prozentbereich erwartet. Zurzeit weisen US-Aktien den größten Abstand im Kurs-/Gewinn-Verhältnis (KGV) seit über 4 Jahren gegenüber dem Euro Stoxx 50 auf, sie sind etwa 20% teurer.
Seit Jahresbeginn hat sich der Dollar um 6% verteuert. Das beschert den Unternehmen im Euroraum einen Gewinnschub und gibt den Aktien Auftrieb. Steigende Unternehmensgewinne waren schon immer der langfristig stärkste Treiber der Aktienkurse. Das wird auch im nächsten Jahr für weiter steigende Börsen sorgen.

Die beste Strategie, um von steigenden Aktienkursen zu profitieren und gleichzeitig die Risiken zu reduzieren, habe ich  in meinem Buch „Der einfache Weg zum Wohlstand“ beschrieben. Es ist ein Leitfaden der Vermögensanlage und enthält eine breite Palette von langfristig interessanten Aktien, Investmentfonds und ETFs.

Herzliche Grüße aus Amerika
und beste Wünsche für profitable Investments,

Gottfried Heller

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    Mit Trumps Wahlsieg, dem Brexit und dem negativen Ausgang des Referendums in Italien beginnt eine neue Zeitrechnung