Meine Meinung

Die „Draghi-Enttäuschung“ ist eine Chance für Anleger

Das kommt davon, wenn man zu hohe Erwartungen schürt: Weil die EZB am Donnerstag (3.Dezember) ihre Zinsen weniger stark gesenkt und die Liquiditätsflut nicht so massiv ausgeweitet hat, als es Analysten und Spekulanten als sicher angesehen hatten, knickte der DAX um fast 4 % ein, der Euro gewann 3 % gegenüber dem Dollar und Staatsanleihen verloren knapp 2 %. Das zeigt in meinen Augen, dass EZB-Chef Mario Draghis gefährliches Spiel an seinen Grenzen angelangt ist. Noch zwei Wochen vor der EZB-Entscheidung hatte er mit dem Satz „Wir werden alles Notwendige tun, um die Inflation so schnell wie möglich wieder zu erhöhen", die Phantasie an den Märkten maßlos angetrieben.

Ich nehme an, dass Draghi auch mehr machen wollte als „nur“ eine Anhebung der Strafzinsen für Banken von minus 0,2 % auf minus 0,3 % und eine Verlängerung des Anleihe-Kaufprogramms um mindestens sechs Monate, also um 360 Milliarden Euro oder mehr. Aber vermutlich war der Widerstand von anderen Ratsmitgliedern zu groß, insbesondere der von Bundesbank-Chef Jens Weidmann und der deutschen EZB-Direktorin Sabine Lautenschlager.

Beide sehen Draghis Geldpolitik zunehmend kritischer. Und das ist gut so. Obwohl alle Welt sehen kann, dass die Politik der Nullzinsen, der unmäßigen Liquiditätsschwemme und der damit einhergehenden Euro-Schwächung bei weitem nicht die von Draghi versprochenen Segnungen mit sich gebracht haben, setzt er weiter stur auf die alten Drogen - noch niedrigere Zinsen und noch mehr Geld. Weidmann und andere Ratsmitglieder aber wissen, dass das langfristig schlimme Folge haben wird: Ein Wiederaufflammen der Inflation, die umso stärker klettern wird, je massiver die Geldflut wird. Ein Crash der künstlich von der EZB aufgeblähten Anleiheblase ist dann ebenfalls vorprogrammiert.

Ich nehme an, dass die Panikreaktion an den Märkten nach der Bekanntgabe der EZB-Entscheidungen – manche sprachen schon von schwarzem Donnerstag – einer realistischeren Einstellung weichen wird. Sobald die Zocker, die endlich mal von der EZB auf dem falschen Fuß erwischt worden sind, ihre Positionen bereinigt haben, werden die Aktienmärkte ihren Aufwärtstrend fortsetzen. Fakt ist, dass die Geldpolitik ja trotz der unerfüllten Erwartungen noch extremer gelockert wird, und das, obwohl die Konjunktur in den meisten Euroländern endlich wieder zuzulegen beginnt, wie die jüngsten Einkaufsmanagerindizes und einige andere Daten klar zeigen. Ein noch schwächerer Euro, auf den Draghi mit einer neuen „dicken Berta“ wohl spekuliert hatte, um seinen italienischen Landsleuten und den anderen Südländern schmerhafte Schuldeneinschnitte zu ersparen, wäre da überflüssig und – ich wiederhole mich gern – inflationär.

Draghi spielt ein gefährliches Spiel: Wird er die Zinsen entsprechend stark anheben, wenn dann die 10-jährige italienischen Anleihen und die der anderen Club-Med-Länder, auf die seine ganze Geldpolitik ja ausgerichtet ist, von 1 Prozent auf 4 bis 5 Prozent hochschnellen? Handelt er zu spät und zu schwach, zahlen die deutschen Sparer die Zeche mit einer noch stärkeren Entwertung ihrer Geldanlagen.

Für den „normalen“ Aktienanleger ist die EZB-Entscheidung also alles andere als ein Grund zur Panik. Die Nullzinspolitik wird sicherlich noch sehr, sehr lang Bestand haben, und die Konjunktur erhält durch die Maßnahmen einen kleinen Zusatzschub. Und da die Inflation, die Draghi mit allen Mitteln im Euroraum-Durchschnitt auf 2 % anheben will (was in konjunkturell starken Ländern wie Deutschland eine höhere Teuerung von bis zu 3 % hervorrufen wird), können sich Anleger in dieser zinslosen und liquiditätsüberschwemmten Welt nur mit Aktien vor den Gefahren schützen, die die EZB-Politik langfristig heraufbeschwören wird. Der Kursrutsch vom Donnerstag ist deshalb für jeden Langfristanleger eine willkommene neue Chance zum Aktieneinstieg.

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    Mario Draghi bei einem EZB-Forum