Interview_Finanz und Wirtschaft_20.01.2016

"Die Börsen verhalten sich irrational"

Gottfried Heller, Senior Partner der 1971 mit der Börsenlegende André Kostolany gegründeten Fiduka Vermögensverwaltung in München, verrät im Interview mit FuW, welche Sektoren er jetzt bevorzugt.

Gottfried Heller (geb. 1935) war nach Abschluss des Ingenieurstudiums vier Jahre in der Unternehmensberatung in Deutschland und ab 1963 als Management Consultant in den USA tätig. Heute ist er Senior Partner der Fiduka Depotverwaltung, einer der ältesten unabhängigen Vermögensverwaltungen in Deutschland. Die Fiduka hat Heller zusammen mit seinem langjährigen Partner und Freund, der Börsenlegende André Kostolany, 1971 in München gegründet. 1974 startete Heller das erste Börsenseminar in Deutschland, das seit nunmehr über 40 Jahren einmal jährlich unter dem Namen «Kostolany Börsenseminar» veranstaltet wird.

Herr Heller, ist die Abwärtsbewegung an den Börsen seit Anfang Jahr eine Trendumkehr in eine Baisse?
Nein. Die Börsen verhalten sich derzeit völlig irrational, so wie sie das schon mehrmals in dieser Haussebewegung gemacht und heftige Korrekturen ausgelöst haben, und wie ich es schon oft in meiner 45-jährigen Börsenkarriere erlebt habe.

Aus welchen Gründen sollte sich die Hausse fortsetzen?
Der billige Ölpreis ist nicht ein Indiz für eine schlechtere weltweite Wirtschaftslage, sondern er ist die Folge eines temporären Überangebots von Öl. Von den Märkten wird völlig ignoriert, dass der Ölpreis wie ein riesiges Konjunkturprogramm wirkt, weil er für etwa 80% der Menschheit die Kaufkraft um rund 1,3 Bio. $ erhöht. Dies wird in erster Linie dem Konsum zugutekommen.

Die Märkte blicken nicht nur bange auf den Ölpreis, sondern auch nach China.

Die heftigen Börsenturbulenzen in China sind vorwiegend technischer Natur. Sie haben ihren Ursprung bei den A- und B-Aktien, die fast ausschliesslich von unerfahrenen chinesischen Privatanlegern gekauft wurden, häufig mit hohen Kredithebeln. Diese Spekulationsblase wird sich in absehbarer Zeit entleert haben. Bei den massiven Verkäufen im Sommer und jetzt handelt es sich zum Teil um Zwangsexekutionen der kreditgebenden Banken.

Chinas Aktienmarkt führte ein Eigenleben. Weshalb steckt er nun andere Börsen an?
Die Weltbörsen wurden in Mitleidenschaft gezogen, weil die chinesische Börsenschwäche als Indiz für eine stärkere Verlangsamung von Chinas Wirtschaft gewertet wird. Dies vor allem auch, weil die chinesische Zentralbank den Yuan innerhalb weniger Tage um knapp 2% abwertete.

Chinas Währung wertet seit Längerem ab.
Die leichte Abwertung des Yuan gegen den Dollar seit August 2015 von etwa 6% muss man in grösserem Rahmen sehen, da der Yuan mit dem Dollar floatet. Der Dollar hat gegen den Euro seit Mitte 2014 um 22% aufgewertet, der Yuan gegen den Euro immerhin noch um 15%.

China will dem Dienstleistungs- und Konsumsektor mehr Gewicht verleihen. Was bedeutet das für die Weltwirtschaft?
Die Umstrukturierung hat Auswirkungen auf Exportländer, weil China in Zukunft weniger Rohstoffe und Investitionsgüter importieren wird. Diese Umstrukturierung wäre den Chinesen besser gelungen, wenn die Exporte nach Europa und in die USA sich nicht deutlich abgeschwächt hätten, wegen der dortigen müden Konjunktur. Als Folge musste China die Industrieproduktion drosseln. Inzwischen hat die Weltbank ihre globale Konjunkturprognose für 2016 von 3,3 auf 2,9% gesenkt.

Auch der IWF hat soeben die Prognose für das weltweite Wachstum herabgesetzt.
Die Weltwirtschaft befindet sich in einem moderaten Konjunkturaufschwung. Bei nüchterner Betrachtung der wichtigsten Indikatoren zeigt sich, dass es in Europa in allen Ländern konjunkturell aufwärtsgeht. Die Konjunkturindikatoren der EU sind auf einem Vierjahreshoch, die Arbeitslosigkeit nimmt ab und in Deutschland sind die Auftragseingänge überraschend stark gestiegen. In den USA bremst der starke Dollar die Konjunktur zwar etwas, aber der Arbeitsmarkt ist sehr stark. In China ist die fundamentale Lage besser als die Stimmung.

Reicht das für eine Aktienhausse?
Ein moderater Konjunkturaufschwung sowie eine gigantische Geldschwemme, ein tiefer Ölpreis und Zinsen nahe null sind beste Voraussetzungen für steigende Aktienkurse. Über kurz oder lang werden sich die Börsen in China und vor allem in Europa beruhigen und ihren langfristigen Aufwärtstrend fortsetzen.

Sind Aktien nicht bereits teuer bewertet?
Die Bewertungen und, mehr noch, die Dividendenrenditen sind jetzt vor allem in Europa und Asien wieder sehr günstig. Es gibt angesichts der Nullzinsphase keine vernünftige Alternative zu Aktien.

Sollten Anleger nun Aktien zukaufen?
Der jetzige Kursrutsch bietet sich für günstige Käufe an, wobei aber jedem Anleger klar sein muss: Wenn die Märkte verrückt spielen, dann gründlich. Die Korrektur kann deshalb noch eine Weile dauern. Daher sollten Käufe nicht auf einmal, sondern in mehreren Teilbeträgen – am besten an schwachen Tagen – vorgenommen werden, um einen günstigen Mischkurs zu erzielen. Eine alte Kaufmannsregel: Der Gewinn liegt im billigen Einkauf. Für langfristig orientierte Anleger, die in soliden Aktien oder Fonds investiert sind, empfehle ich, stillzuhalten und die Turbulenzen auszusitzen.

Auf welche Titel sollten Anleger setzen?
Gute Chancen für Langfristanleger bieten sich jetzt angesichts der stark gefallenen Kurse bei Rohstoffaktien und besonders bei Ölaktien mit hohen Dividenden. Dazu kommen Automobil- und Pharmatitel sowie vor allem Konsumaktien.

Und welche Werte sollte man meiden?
Ich glaube, die Technologieaktien sind ziemlich ausgereizt. Bankaktien habe ich längst nicht mehr auf meiner Rechnung.

Wie sehen Sie die Marktentwicklung im Börsenjahr 2016?
Die gelegentlichen Turbulenzen an den Börsen entstehen aus Angst vor Anpassungsschocks im Zuge eines Strukturwandels. Dass das nicht schmerzlos ablaufen kann, ist klar. Mit Blick auf 2016 meine ich, dass besonders europäische Aktien – auch weil sie fundamental relativ zu anderen Börsen billiger sind – die besten Chancen bieten. Im weiteren Jahresverlauf erwarte ich, dass die Schwellenländeraktien und die Öl- und Rohstoffwerte, die sich teilweise mehr als halbiert haben, wieder attraktiv werden.

Wie beurteilen Sie die Chancen speziell an den deutschen Börsen?
Der leicht ansteigende Wachstumspfad der deutschen Wirtschaft ist günstig für die Börse, weil ihr genügend Kapital zur Verfügung steht – es fliesst kaum in die Realwirtschaft ab. Ferner dürfte die deutsche Börse von Wallstreet beflügelt werden. Das vierte Amtsjahr eines Präsidenten ist immer das beste Börsenjahr, weil in der Regel vor der Wahl politisch nichts passiert, was die US-Börse stört. Die Entwicklung in Deutschland hängt stark von Wallstreet ab, weil der grösste Teil der Dax-Aktien in angloamerikanischer Hand sind. Somit wird die Stimmung an Wallstreet auch den Handel auf dem deutschen Parkett bestimmen. Das Übergewicht ausländischer Grossinvestoren bewirkt aber auch, dass der Dax 2016 erneut eine hohe Volatilität aufweisen wird.

Die hohe Volatilität wirkt auf viele Anleger abschreckend.
Die hohe Volatilität hängt auch damit zusammen, dass der Aktienhandel mittlerweile zu mehr als 70% von Computern gesteuert wird. Wird eine bestimmte Kursschwelle über- oder unterschritten, lösen viele Computer fast gleichzeitig automatisch Käufe oder Verkäufe aus. Da heute ein Vielfaches des Kapitals von vor 30 oder 40 Jahren im Spiel ist, werden die Schwankungen grösser.

Wie sollen Investoren damit umgehen?
Gefährlich lebt nur, wer kurzfristig agiert. Der private Anleger profitiert, indem er nicht auf das Auf und Ab der Kurse reagiert, sondern langfristig investiert und die Schwankungen aussitzt. Dann kann er die smarten Grossinvestoren mit ihren schnellen Computern sogar übertrumpfen. Während für Spekulanten das richtige Timing entscheidend ist, ist für den Privatanleger die Zeitachse wichtig. Deshalb habe ich eine Depotsystematik für den Privatanleger entwickelt.

Wie funktioniert die Depotsystematik?
Sie minimiert das Risiko, setzt aber gleichzeitig auf Ertragsstärke – und das klappt. Ein möglichst risikoarmes, aber ertragsstarkes Depot muss aufgestellt sein wie eine gute Fussballmannschaft: Man hat vorn die Flitzer und hinten die Recken und mittendrin die Stabilisatoren. Aber nochmals: Eine Depotstruktur von Aktien wirkt nur bei langfristiger Anlage. Sie verschafft dem Investor die Möglichkeit, seine Zukunft finanziell abzusichern, was mit Zinsanlagen nicht mehr möglich ist.

Und wie sieht Ihre Depotstruktur aus?
Empirisch erwiesen ist, dass es Aktienklassen gibt, die langfristig überlegen sind. Es handelt sich um dividendenstarke Substanzwerte, auch Value-Aktien genannt, und um Small Caps, also Werte kleiner und mittlerer Unternehmen – wie wir sie im MDax finden. Hinzu kommen Aktien der Schwellenländer. Zwar leiden Letztere derzeit stark. Sie bieten aber gerade deshalb langfristig grosse Chancen, weil sie aufgrund der gesunden Demografie ein dynamischeres Wachstum als die Industrieländer schaffen. Das Depot sollte international breit aufgestellt sein. Das lässt sich mit wenig Aufwand erstellen, mit Hilfe von Indexfonds, auch ETF genannt, die an der Börse wie Aktien gehandelt werden. ETF sind sehr kostengünstig und eignen sich besonders für Sparpläne.