Interview_Handelsblatt_20.09.2015

„Wer dauernd absichert, kommt nie zum Gipfel“

Mit Kostolany gründete Gottfried Heller eine Vermögensverwaltung, sein Hobby ist das Wandern. Im Interview erklärt er, warum die Deutschen sich an Aktien trauen müssen und das Depot einer Fußballmannschaft ähneln sollte.

Gottfried Heller ist einer der bekanntesten Vermögensverwalter Deutschlands. Doch er kennt sich nicht nur mit dem Auf und Ab an der Börse aus, sondern auch mit dem Auf- und Abstieg im Gebirge. Wir treffen uns an der Talstation der Wallbergbahn am Tegernsee. Wir sind die einzigen Gäste, die Gipfel sind wolkenverhangen. Egal, wir sind Optimisten und steigen in die Gondel.

 

Herr Heller, normalerweise wandern Sie vermutlich nur bei schönem Wetter, oder?
Man kann eigentlich bei jedem Wetter wandern, es kommt nur auf die richtige Kleidung an. Bloß, wenn es blitzt und donnert, sollte man besser nicht losgehen. So ist es auch an der Börse, komplett zurückziehen muss man sich selten. Wenn die Großwetterlage freundlich ist, kann man voll investiert sein. Wenn sie unfreundlich ist, muss man etwas in die Defensive gehen und vielleicht etwas absichern. Dauernd absichern ist aber nicht gut, dann kommt man nie zum Gipfel.

Das Wandern ist Ihr liebstes Hobby, was fasziniert Sie daran?
Dass ich draußen in der Natur bin; die Seen, die Berge, die Wälder, die Flüsse. Ich bin ein Naturbursche in der Hinsicht. Wandern hat etwas sehr Stimulierendes, dabei bewegt man nicht nur die Beine; auch die Gedanken kommen in Bewegung, und es entsteht ein Glücksgefühl.

Heute wählen wir den einfachen Weg auf den Berg. In Ihrem Buch versprechen Sie auch den einfachen Weg zum Wohlstand. Wie funktioniert das?
Es kommt auf die Auswahl der Aktienklassen an – eine Mischung aus Substanz- und Wachstumswerten. Die einen liefern gute Dividenden, die anderen versprechen bessere Kursentwicklungen. Ein Depot sollte man wie eine Fußballmannschaft aufstellen: Mit einer siebenköpfigen Defensive und nur vier Spielern in der Offensive. Die Wachstumswerte sind dabei die Stürmer, die Substanzwerte übernehmen die Abwehr. Auf diese Weise bekomme ich ein schwankungsarmes und dennoch renditestarkes Depot.

Während der Gondelfahrt nach oben wird die Sicht immer schlechter.

Halten Sie bestimmte Regionen oder Branchen gerade für besonders attraktiv?
Ein Depot sollte global ausgerichtet sein, einschließlich der Schwellenländer. Einzelne Branchen spielen in meinem Konzept eine geringere Rolle, entscheidend sind die Aktienklassen. Wer daneben ein bisschen spielen möchte, könnte langsam anfangen, Ölaktien zu kaufen.

Wie wählen Sie die Aktien aus?
Man muss nicht alles selbst machen. So wie Autohersteller nicht alle Einzelteile selbst anfertigen, kann man auch bei der Geldanlage bequem auf Zulieferer setzen: ETFs und Investmentfonds. ETFs – also börsengehandelte Index-Fonds – sind eine sensationelle Erfindung, sie sind bedeutend günstiger als gemangte Fonds und liefern bessere Renditen. Zwar kann ein Spitzenfonds mal ein paar Jahre schlechter als der Index abschneiden und dann mal den Index eine Zeit lang übertrumpfen. Den Index langfristig zu schlagen schaffen aber nur wenige Fonds.

Sie geben eine Anleitung für Do-it-yourself-Anleger, dürfen Sie das als Vermögensverwalter überhaupt?
Eigentlich nicht (lacht). Aber letztlich eignet sich das Selbermachen doch nicht für jeden. Neben der Zusammensetzung des Depots kommt es auch auf die Psyche des Anlegers an. Wer keine Nerven hat und zittrig wird, sobald die Kurse etwas nachgeben, kann alleine an der Börse nicht erfolgreich sein und braucht einen Verwalter. Das Gleiche gilt für jemanden, der keine fundamentalen Börsenkenntnisse hat, denn gelegentlich muss man doch Änderungen oder Adjustierungen im Depot vornehmen.

 

Mit kleinen Anlagesummen kommt man bei Vermögensverwaltern nicht an. Was halten Sie von Honorarberatern?
Das ist eine gute Sache. In der Regel achten diese Berater auch sehr auf die Kosten und empfehlen hauptsächlich ETFs. Das Problem ist nur: Die Deutschen bezahlen nicht gerne für Beratung, sondern nehmen lieber in Kauf, dass der Berater von Provisionszahlungen lebt und damit nicht mehr unabhängig ist. Ich glaube nicht, dass sich Honorarberatung in der Breite durchsetzen wird.

Deutsche Anleger tun sich schwer mit Aktien, wie kann man sie überzeugen?
Man muss sich die Ursachen anschauen: Viele Anleger leiden unter einem Neuer-Markt-Trauma. Sie haben um die Jahrtausendwende große Verluste erlitten, weil sie viel zu spät eingestiegen sind und dann alles auf eine Karte gesetzt haben. Die Banken tragen daran eine große Mitschuld. Sie haben den Hype gefördert, indem sie zu viele Unternehmen an die Börse gebracht und Anleger nicht ausreichend über die Risiken aufgeklärt haben.

Das war für Anleger aber nicht der einzige Rückschlag in den vergangenen Jahren.
In den zurückliegenden 15 Jahren gab es drei Baissen, von denen zwei sehr schlimm waren. Die erste war 2000 – das Platzen der Internetblase. Die zweite kam 2008 mit der von den USA ausgehenden Immobilienkrise und der Lehman-Pleite. Und die dritte, etwas kleinere, war 2011 die Staatsschuldenkrise in Europa. Während meiner 45 Jahre als Börsianer habe ich so viele Einbrüche in so kurzer Zeit auch noch nicht erlebt. Trotzdem sind Aktien mit einer durchschnittlichen Jahresrendite von real – also inflationsbereinigt – sechs bis sieben Prozent die langfristig ertragreichste Anlageklasse.

 

Auf dem Wallberg angekommen, weht ein kalter Wind – bei weniger als zehn Metern Sicht. Wie kehren erst einmal ins Panoramarestaurant ein – das seinem Namen heute keine Ehre macht.

Was muss passieren, damit die Deutschen das verstehen?
Die Aktie darf nicht länger als Zockerprodukt verschrien werden. Da ist besonders die Politik gefragt. Wenn sie statt Aktien das Kontensparen, Versicherungen und Bausparen fördert, ist es kein Wunder, dass die Bürger so zurückhaltend sind. Aber auch die Banken müssen sich ändern.

In wie fern?
Wenn Anleger mal Aktien haben, werden sie von ihren Banken häufig schon bei kleinen Gewinnen zum Verkauf gedrängt. Dann streichen die Institute Ordergebühren ein. Doch damit unterlaufen sie den eigentlichen Vorteil von Aktien: Sie wachsen wie eine Pflanze und werfen immer wieder Früchte in Form von Dividenden ab. Eine Pflanze mäht man ja nicht um, sobald sie den Kopf aus dem Boden reckt.

Wie könnte eine staatliche Förderung aussehen?
Man müsste gar nichts neu erfinden. Wir könnten uns etwa ein Beispiel an den Franzosen oder den Amerikanern nehmen. Dort wird das Investment in Aktien steuerlich gefördert, so dass die Menschen einen Anreiz haben, mit den Unternehmensbeteiligungen für ihr Alter vorzusorgen. Die deutsche Riesterrente ist dagegen absoluter Murks. Außerdem muss die Doppelbesteuerung der Aktie abgeschafft werden. Es darf nicht sein, dass der Fiskus zuerst bei den Unternehmensgewinnen zulangt und dann noch mal bei den Erträgen der Aktienanleger.

Wie sieht Ihr eigenes Depot aus?
Ich habe immer noch etwa 90 Prozent Aktien. Darunter sind viele Dauerbrenner wie Bayer oder Nestlé. Etwa 85 Prozent meiner Aktien sind dividendenzahlende Papiere. Auch Berkshire Hathaway ist dabei – wobei die keine Dividende zahlen – aber die machen schon Freude. Zuletzt habe ich den Nebenwertesektor aufgestockt, indem ich ETFs auf den MDax und den Stoxx Mid Cap 200 gekauft habe.

Wie oft schauen Sie in Ihr Depot?
Ich kaufe oder verkaufe nicht oft, aber man darf auch nicht alles laufen lassen. Wenn ich einen Titel habe, von dem ich nicht mehr glaube, dass er sich erholen wird, dann bin ich konsequent und entscheide ‚weg damit‘. Wenn man ein solides Depot hat, reicht es aus, wenn man einmal im Monat nachschaut.

Ganz so wie André Kostolany es empfahl – Schlaftabletten nehmen und erst mal nichts machen – funktioniert es also doch nicht?
Das mit den Schlaftabletten ist eine Fehlinterpretation. Kostolany meinte das nicht im Sinne von ‚Buy and Hold‘, sondern er meinte, dass der Anleger zu überstürzten Reaktionen neigt und es am besten gar nicht mitkriegen sollte, wenn es draußen blitzt und donnert. Mit den Schlaftabletten sollte der Anleger also vor seinen Emotionen geschützt werden. Das war ein psychologischer, aber kein anlagestrategischer Rat.

Momentan gibt es an der Börse starke Schwankungen. Wie bewerten Sie die aktuelle Marktlage?
Ich denke, dass wir bei Aktien momentan eine Bodenbildung sehen. Nachdem die Kurse fast fünf Jahre nahezu ununterbrochen gestiegen sind, hat im April eine Korrektur eingesetzt. Es gab zuletzt viele Störfälle, vor allem die Griechenlandkrise und die Konjunkturschwäche in China. Das ändert aber nichts daran, dass die Welt vor Geld überquillt und es quasi keine Zinsen gibt. Schon aus Mangel an Anlagealternativen dürften die Börsen in den nächsten Monaten ihren Aufstieg wieder fortsetzen. Damit Aktien kurzfristig an Attraktivität verlieren, müssten die Renditen von Staatsanleihen schon rasant steigen. Aber von Renditen um die sechs Prozent sind wir noch viele Jahre entfernt.

 

Es ist also noch nicht zu spät zum Einstieg in Aktien?
Ich sehe bei Aktien weder die Gefahr einer Blase noch eine akute Crash-Gefahr. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis im Dax ist mit elf noch immer deutlich unterhalb des historischen Durchschnitts von 16. Auch von Euphorie kann keine Rede sein, es dominiert die Sorge vor weiteren Kurseinbrüchen. Und mich hat auch noch kein Taxifahrer oder Friseur nach Aktientipps gefragt. Das wäre auch ein Indikator für einen heiß laufenden Aktienmarkt (lacht).

Wie sollte man das Investment angehen?
Anleger sollten nicht auf den idealen Zeitpunkt zum Einstieg warten. Es ist besser, sofort mit Sparplänen zu beginnen. Wer zum Beispiel monatlich 300 Euro anlegen will, kann diese gleichmäßig auf den MDax, den iShares Global Select Div 100 und einen Emerging-Market-ETF verteilen. Damit hat man ein ausgewogenes, internationales Depot. Das Automatisieren per Sparplan ist wichtig, so kann man den inneren Schweinehund überlisten. Außerdem profitiert man so vom Cost-Average-Effekt – Sie kaufen zu Durchschnittskursen, mal billiger, mal teurer.

Das klingt sehr besonnen, zocken Sie auch mal?
Ich habe nie Zockerpapiere gekauft, der Nervenkitzel reizt mich nicht. Ich hatte immer die Tendenz, stabile Aktien zu kaufen, möglichst mit Dividende. Auch Kostolany hat immer gesagt, ich sei der Konservativere von uns beiden.

Und beim Wandern? Gehen Sie dort mal ein Risiko ein?
Ein guter Wanderer hat viele Gemeinsamkeiten mit einem guten Anleger: Das fängt mit der Vorbereitung an: Beim Wandern muss man wissen, wo es langgeht, man braucht passende Kleidung und Proviant. Beim Anlegen muss man auch die fachlichen Grundlagen kennen, man sollte eine gewisse psychologische Stabilität haben, und als Proviant dienen die Informationen, die man über die Märkte sammelt. In beiden Bereichen gilt es, zu riskante Manöver zu vermeiden und die persönliche Konstitution zu beachten. Ich mache noch immer gerne lange Wanderungen, aber das Klettern fange ich nicht mehr an.

Hätten Sie sich vorstellen können, mal Bergführer zu werden?
Eigentlich nie. Ein Bergführer muss ja immer wieder denselben Berg mit verschiedenen Leuten besteigen. Das würde mich langweilen. Ich entdecke gerne Neues. Das ist das Gleiche an der Börse, da bin ich auch international unterwegs.
Als wir wieder Richtung Tal aufbrechen, reißt der Himmel etwas auf, leider zu spät. Timing ist eine schwierige Sache – nicht nur an der Börse.

Herr Heller, vielen Dank für das Interview.

 

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