Interview_boerse-online.de_15.06.2015

Ein Grexit könnte sich als heilsam erweisen

Herr Heller, die Gespräche mit Athen zur Lösung der Schuldenkrise sind am Sonntag vorläufig gescheitert. Schon am Donnerstag hat sich der IWF aus den Verhandlungen zurückgezogen. Ist das alles nur Verhandlungstaktik, oder läuft die Zeit für eine Einigung mit Griechenland jetzt wirklich endgültig ab?
Die Gelb-Rote Karte hätte den Griechen schon längst gezeigt werden müssen. Nach all den neuerlichen Fouls, die die Tsipras-Regierung seit Januar begangen hat, wäre jetzt der Platzverweis überfällig. Aber da Kanzlerin Merkel immer wieder betont, Griechenland müsse im Euro bleiben, hat sie den Griechen eine Bestandsgarantie gegeben. Damit hat sie Deutschland und die europäischen Partner in eine verhandlungstaktisch unsinnige und erpressbare Position gebracht. Kein Wunder, dass in diesem Katz- und Mausspiel die Rollen vertauscht wurden: Die griechische Maus spielt mit der europäischen Katze und macht sie täglich lächerlich.

Nach all den neuerlichen Fouls, die die Tsipras-Regierung seit Januar begangen hat, wäre jetzt der Platzverweis überfällig."

Griechenland hat sich mit Lug und Trug in den Euro gemogelt. Das Land war nicht für den Euro qualifiziert und es hat sich nie an die Bedingungen der Mitgliedschaft angepasst. Es hat weder den politischen Willen zu Reformen noch die institutionelle Einrichtungen, solche umzusetzen. Der Euro leidet - noch mehr als unter seiner Fehlkonstruktion - unter seiner Fehlbesetzung. Mit der jetzigen Mannschaft werden wir im globalen Spiel nie in der Champions-League mitspielen.

Und der Showdown kommt am Donnerstag beim Treffen der Euro-Finanzminister?
Als Schauspiel - besonders fürs Wahlvolk der Gläubiger - wird es diesen Showdown geben. Die politischen Hauptakteure haben nicht den Mut, das für die europäischen Gläubiger teure Abenteuer zu beenden. So hat Angela Merkel beispielsweise kürzlich in einem Gespräch mit Schülern freimütig bekannt, dass sie nie sonderlich mutig gewesen sei. Stattdessen wird wahrscheinlich wieder ein fauler Kompromiss herauskommen, den jede Seite als Erfolg darstellt, der aber das Papier nicht wert ist, auf dem er niedergeschrieben wurde.

Wie schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit für eine Pleite Griechenlands aktuell ein?
Griechenland war technisch schon 2010 und wieder 2012 insolvent. Es wurde vor der Pleite nur durch den Bruch des Maastricht-Vertrags bewahrt - ein Fall von Konkursverschleppung. Wenn ich das selbstsichere Auftreten von Ministerpräsident Tsipras und die aufreizende Arroganz seines Finanzministers Varoufakis betrachte, beschleicht mich der Verdacht, dass die trickreichen Griechen etwas im Schilde führen. Ich frage mich, warum sie nicht schon längst Kapitalverkehrskontrollen eingeführt haben, um den Transfer von Milliarden von Euros ins Ausland zu stoppen, eine Maßnahme, die Zypern seinerzeit ergriffen hat? Oder warum der angebliche Reformer Tsipras die Milliarden Euros auf Schweizer Konten von namentlich bekannten Steuersündern nicht schon längst nach Griechenland zurückgeholt hat? Stattdessen können griechische Bürger und Unternehmen weiter Kredite bei Banken aufnehmen und ins Ausland überweisen. Könnte es sein, dass griechisches Privatvermögen in Euro ins Ausland geschafft wird oder dort verbleibt, um vor dem Zugriff des Staats geschützt zu sein, während die europäischen Steuerzahler und die EZB fleißig Euros nach Griechenland schicken, um den Staat vor der Pleite zu bewahren? Auf diese Weise könnte sich Griechenland einen Schuldenschnitt verschaffen, um danach eine Parallelwährung einzuführen aber den Euro für bestimmte Zwecke zu behalten.

Was würde eine mögliche Staatspleite für die Aktienmärkte bedeuten?
Extreme Reaktionen an den Börsen gibt es nur, wenn etwas völlig Unerwartetes eintritt. Doch ein Ereignis, dessen Eintritt die Medien schon seit Monaten beschreiben, wird nicht zu einem Crash führen. Einige Hedgefonds und Spekulanten könnte es auf dem falschen Fuß erwischen und es könnte für einige Zeit Turbulenzen geben aber die Weltwirtschaft wird eine griechische Staatspleite nicht aus den Angeln heben. Wenn sich der Staub gelegt hat, würde die Hausse dank günstiger wirtschaftlicher und monetärer Voraussetzungen weitergehen.

Einige Beobachter halten mit Blick auf Griechenland sogar eine Entwicklung wie nach der Lehman-Pleite für möglich. Teilen Sie diese Einschätzung?
Der Vergleich, dass eine Pleite Griechenlands ähnlich dramatische Folgen haben könnte wie die Pleite von Lehman 2008, ist dummes Zeug. Bevor seinerzeit Lehman Pleite ging, musste die Investmentbank Bear Stearns in einer dramatischen Rettungsaktion übers Wochenende von der großen US-Bank J.P. Morgan Chase übernommen werden, um so eine Pleite zu verhindern. Der Fed-Chef Bernanke eröffnete damals den Teilnehmern einer internationalen Konferenzschaltung, dass die Finanzmärkte vor einer Kernschmelze stünden und dass Bear Stearns, völlig überschuldet, Terminkontrakte und Derivate in Höhe von 2,5 Billionen US-Dollar mit Kunden und Kontrahenten rund um den Globus halte. Man befürchtete einen weltweiten Run auf die Banken. Nur Wochen später kam die größere Lehman Bank mit einem noch größeren Sack voll Schulden in Zahlungsnot. Diesen großen Brocken wollte niemand schlucken und so ging sie Pleite mit allen Folgen, unter denen die ganze Welt noch heute leidet.
Ganz anders der Fall Griechenland. Verglichen mit den obigen Dimensionen sind die Summen, die im Spiel sind, überschaubar. Griechische Schuldtitel sind überdies nicht international verbreitet, da seit der Nahe-Pleite 2010 den Marktteilnehmern weltweit ihre Bonität auf Ramschniveau bekannt ist und die von Privaten gehaltenen Staatstitel ohnehin schon einen gewaltigen Schuldenschnitt hinter sich haben.. Wer bei einer Pleite die größere Abschreibungen haben wird, sind die EZB und die Staaten der Eurozone. Und damit wir Steuerzahler.

Erwarten Sie, dass Griechenland im Pleitefall auch aus dem Euro aussteigt?
Das Ausscheiden Griechenlands würde die Währungsunion nicht gefährden, sondern dessen Verbleib. Je mehr Zugeständnisse an Griechenland gemacht werden, desto mehr bremst es den Reformeifer der anderen Länder und schwächt die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Eurozone.
Ein Grexit aus dem Euro könnte sich am Ende als heilsam für das europäische Projekt erweisen, weil er für alle Mitglieder eine disziplinierende Wirkung hätte und den Reformprozess und den Zusammenhalt fördern würde.
Auch wenn eine Exit-Klausel aus der Währungsunion nicht vorgesehen ist - ein großer Fehler - sollte Griechenland in der EU verbleiben dürfen. Es wurden bei der Euro-Retterei so viele schwerwiegende Vertragsbrüche begangen, dass die Korrektur eines Fehlers ein vergleichsweise harmloser und letztlich sogar löblicher Vorgang wäre.

Viele Politiker befürchten bei einem Zerfall des Euro auch ein Ende der europäischen Einigung. Zu Recht?
Die fortgesetzten Regelverstöße und die inkonsequente, wachsweiche Reaktion der Gläubiger auf die Erpressungen der Griechen könnte Großbritannien darin bestärken, aus der EU auszutreten. Ein Brexit wäre ein politisch und wirtschaftlich enormer Schaden, weil er zur Desintegration der Europäischen Union führen könnte.
 

Neben Griechenland droht im laufenden Jahr ja noch eine andere Belastung: Viele Beobachter erwarten inzwischen, dass die Fed im September die Zinswende nach oben einleiten könnte. Wie würde sich ein solcher Schritt auf die US-Börsen auswirken und wie auf den DAX?
Die Anhebung der US-Zinsen ist seit über einem Jahr im Gespräch. Ein Ereignis, das so lange vorher angekündigt wird, verliert seine Schrecken. Überdies wird die Fed zunächst sehr behutsam in kleinen Schritten vorgehen. Das wird sich auf die US-Börsen und den DAX - außer ein paar Turbulenzen - nicht negativ auswirken. Wenn die Geldmarktzinsen von derzeit Null auf 0,25 oder 0,50 Prozent angehoben werden, liegen sie noch immer unterhalb der Inflationsrate. Daher werden die Marktteilnehmer den Zinsschritt eher begrüßen als befürchten. Sollten die inflationären Erwartungen stärker zunehmen, weil die Konjunktur Fahrt aufnimmt und die Ölpreise steigen, wäre die Fed gezwungen, die Zinsen rascher und stärker anzuheben. Das würde die Märkte viel mehr stören.

Wo sehen Sie den DAX also zum Jahresende?
Mir genügt es, zu wissen, dass alle Voraussetzungen für eine Fortsetzung der Hausse gegeben sind und daher nach Ende der jetzigen Korrektur die Hausse weitergehen wird. Wer glaubt, den exakten Punktestand des DAX voraussagen zu können, ist entweder unerfahren oder unseriös. Für mich ist diese Zahl irrelevant.

Wie sollten sich Anleger auf ein solches Szenario aus Griechenland und möglicher Zinswende einstellen: in defensive Werte umschichten oder doch auf Anleihen setzen?
Die Anleger sollten ein international breit gestreutes Depot anlegen. In meinem in Kürze in 5. Auflage erscheinenden Buch "Der einfache Weg zum Wohlstand" habe ich ausführlich auch anhand von Beispielen mit ausgewählten Aktien und ETFs beschrieben, wie ein Wertpapierdepot mit Sicherheitsnetz strukturiert werden muss. Dabei sollten solide, langfristig überdurchschnittlich rentierende Aktien bevorzugt werden: Das sind Substanz-Aktien mit meist hoher Dividende, sowie Nebenwerte und Schwellenländer-Aktien. Das ergibt ein ertragsstarkes, risikominimiertes Vermögenspaket, das dazu den Vorteil bietet, dass es keine häufigen Umschichtungen erfordert. Anleihen würde ich meiden, vor allem Staatsanleihen. Wenn überhaupt, kommen Industrieanleihen, Pfandbriefe und Anleihen von Schwellenländern - in Form von Fonds oder ETFs - in Frage.

Und den Goldanteil im Depot erhöhen?
Anstelle von Gold würde ich inflationsindexierte, globale Anleihen-ETFs bevorzugen.