Kolumne_boerse-online.de_09.10.2014

Eine gute Zwischenbilanz für die Börsen – aber nicht für den DAX

Börsenaltmeister Gottfried Heller über die Börsenbilanz nach drei Quartalen, die weiteren Aussichten, den Unterschied zwischen Investition und Spekulation und weshalb die Aktien von Rocket Internet und Zalando nicht für die Geldanlage taugen.

Das Jahr 2014 ist zu drei Viertel vorüber, ein Jahr voller Krisen: Der Palästina-Konflikt, der Vormarsch der Islamischer Staat-Miliz im Irak und in Syrien, die Ebola-Epidemie und die Ukraine-Krise, die manche schon als eine Neuauflage des kalten Kriegs zwischen Russland und dem Westen betrachten.

Es gibt ringsum so viele geopolitische Konflikte, von denen eigentlich schon einer allein ausreichte, um an den Börsen einen Kursrutsch auszulösen. Doch trotz alledem herrschte an den Börsen fast stoische Ruhe. Das Angstbarometer VDAX, genauso wie das amerikanische Pendant VIX, liegt fast so tief wie 2007 vor Ausbruch der großen Finanzkrise. Selbst der September, berüchtigt als notorischer Verlustbringer, hat der Statistik getrotzt und sich vergleichsweise freundlich gezeigt. Es scheint, dass man sich auf die üblichen saisonalen Verlaufsmuster nicht mehr verlassen kann.

Anfang des Jahres schrieb ich in meinem Börsenausblick in BÖRSE ONLINE: „2014 verspricht ein weiteres gutes Börsenjahr zu werden, wahrscheinlich weniger gut als 2013 . . .“

Bis dato haben die Börsen tatsächlich fast durchweg nur einstellige Zuwächse geschafft. Nur in den asiatischen Schwellenländern, wie etwa China, Indien, Thailand und Indonesien, gab es zweistellige Gewinne, die zudem noch mit Währungsgewinnen gegenüber dem schwachen Euro aufgebessert wurden. Weil es in den USA und in Asien besser lief, schafften der MSCI Weltindex in Euro gerechnet ein Plus von 14 Prozent und der MSCI Emerging Markets von 12 Prozent.

Demgegenüber wies der DAX als einer der wenigen Indices ein kleines Minus auf. 2013 war er noch mit einem Zuwachs von gut 25 Prozent der Spitzenreiter.

Wie erklärt sich das schlechte Abschneiden des DAX und wie stehen die Aussichten, dass die Börsen im letzten Jahresviertel noch ein zweistelliges Plus schaffen?

Die Große Koalition hat, mit der Selbstgewissheit ihrer 80 Prozent-Mehrheit, ohne ökonomische Vernunft und ohne zwingende Notwendigkeit Teile der hart erkämpften Agenda 2010 zurückgenommen und soziale Wohltaten in großem Stil beschlossen. Die Ausweitung des Sozialstaats macht aber den Standort Deutschland weniger attraktiv. Auch der flächendeckende Mindestlohn belastet. Deutsche Unternehmen werden daher eher im Ausland investieren und ausländische Investoren werden sich abwenden.

Die mangelnden Investitionen sind ein Hauptgrund für die Konjunkturabschwächung in Deutschland. Der ifo-Konjunkturindex ist zum fünften Mal in Folge rückläufig. Schon gibt es eine Reihe von Betrieben, die Kurzarbeit beantragen.

Ein weiterer Belastungsfaktor sind die Sanktionen gegen Russland, die die deutsche Wirtschaft am stärksten treffen. Hinzu kommen noch die höheren Lohnabschlüsse. Insgesamt steht die Eurozone an der Grenze zur Rezession.

Eine Stütze der Konjunktur ist der schwache Euro. Allein gegenüber dem US-Dollar hat er dieses Jahr um fast 10 Prozent abgewertet. Auch die Null-Zinsen und die beabsichtigte Ausweitung der EZB-Bilanzsumme - eine massive Geldschwemme in Höhe von einer Billion Euro - fördern das Wachstum, wenn auch nicht in dem erhofften Ausmaß.

Während auch in China und Japan die Wirtschaft schwächelt, brummt die Wirtschaft in den USA. Dort sind die Haupttreiber die Investitionen. Tatsächlich erlebt die USA derzeit eine Renaissance der güterproduzierenden Industrie. Die Energiekosten in den USA betragen nur ein Drittel derer in Deutschland. Der Wohlstandseffekt dank steigender Börsenkurse und Immobilienpreise und einer sinkenden Arbeitslosenrate stimuliert den Konsum.

Die USA spielen mal wieder Konjunkturlokomotive. Die ist aber allein nicht stark genug, um die Weltwirtschaft richtig in Fahrt zu bringen. Daher haben die Notenbanken freie Hand, ihre expansive Geldpolitik beizubehalten. Die Rohstoffpreise fallen, allen voran die Ölpreise. Als Folge ist die Inflation weltweit sehr niedrig. In der Eurozone tendiert sie gegen Null. In China, wo die Inflation 2 Prozent beträgt, hat jetzt die Regierung 83 Milliarden Dollar Kredithilfen für Banken bereitgestellt. Man sieht, dass allerorten auf der Welt die Banken wegen ihrer Fehlspekulationen vom Staat und von der Notenbank Hilfe in Anspruch nehmen müssen, nur um solvent zu bleiben.

Am weitesten vorangeschritten sind die Finanzmarktreformen in den USA. Und konjunkturell sind sie das erste Land, das sich auf dem Weg zurück zur Normalität befindet.

Die Eurozone dagegen bleibt ein Pflegefall. Da sowohl Italien als auch Frankreich weitere Sparanstrengungen und Strukturreformen verweigern, spitzt sich hier die Lage zu. Erschwerend kommt neuerdings dazu, dass der Handlungsspielraum von Kanzlerin Merkel wegen der eurokritischen Partei „Alternative für Deutschland“ eingeschränkt ist, da alles, was im Zuge der Euro-Retterei zu weiteren Verpflichtungen und Belastungen der Deutschen führen würde, Wasser auf die Mühlen dieser neuen Partei wäre. Die Erfolge der AfD bei der Europawahl und bei drei Landtagswahlen haben die selbstgefällige politische Kaste aufgeschreckt.

Die AfD ist zwar nicht im Bundestag, aber als außerparlamentarische Opposition macht sich im Politikbetrieb ihre Präsenz schon bemerkbar. Zurzeit herrscht hier zwar Ruhe - eine trügerische Ruhe, wie mir scheint.

Daher ist es umso wichtiger, bei der Gestaltung eines Wertpapierdepots international breit gestreut anzulegen.

Zweifelhafte Neuemissionen

Aktuell geht ja über Deutschland ein Werbe-Trommelfeuer über zwei Neuemissionen - Zalando und Rocket Internet - hinweg. Das erinnert mich lebhaft an die wilde Internetspekulation beim Jahrtausendwechsel, die verlustreich endete.

Die Emission von Zalando läuft nach dem erprobten Rezept ab: Beim ersten Börsengang bietet man nur einen Teil des Aktienkapitals an - im Fall Zalando nur etwa 12 Prozent. Dann rührt man die Werbetrommel, erzeugt damit eine Übernachfrage, und so entsteht bei künstlich verknapptem Angebot ein Flaschenhalseffekt, so dass die Kurse senkrecht in die Höhe schießen. Der Hintergedanke: Wenn die Erstplatzierung ein Bombenerfolg war, wird der Emittent den größeren Teil seiner Aktien noch später zu wesentlich höheren Kurse loswerden.

Die Rocket-Aktie wird nur in den sogenannten Entry-Standard der Frankfurter Börse aufgenommen. Im Entry-Standard gelistete Unternehmen müssen nicht jedes Quartal über den Geschäftsverlauf berichten, sondern nur einmal im Jahr und zum Halbjahr nur in einer deutlich abgespeckten Form.

Auch die Ad hoc-Pflicht entfällt, wonach ein Unternehmen sofort über Nachrichten berichten muss, die den Kurs beeinflussen können. Die Anleger im Rocket tappen also im Dunkeln. Sie kaufen eine Black Box, gegründet auf Hoffnung und die Hype, die die Werbung verbreitet. Es ist eine Spekulation.

Rocket Internet und Zalando taugen nicht für die Geldanlage

Als Daueranlage taugen die beiden Neulinge nicht. Ob ihr Geschäft dauerhaft profitabel ist, ist fraglich, denn es bestehen unkalkulierbare Risiken. Ihr Erfolg hängt ab vom Eintreffen künftiger Ereignisse.

Ich differenziere dagegen zwischen Investition und Spekulation und versuche, so zu investieren, dass eine dauerhaft gute Wertentwicklung auf einem nachprüfbaren, erfolgreich erprobten Geschäftsmodell beruht.

Ein Gutes könnte der Medienrummel um Alibaba, Rocket und Zalando vielleicht haben: Er könnte neues Interesse für Aktieninvestments wecken.

Das wäre bitter nötig, sowohl für die deutsche Volkswirtschaft als auch für die private Vermögensbildung und Altersvorsorge. Eine Studie der Deutschen Bundesbank hat ergeben, dass sich im Mai 2014 57,1 Prozent aller deutschen Aktien und 63,7 Prozent aller DAX-Werte im Besitz des Auslands befanden. Es ist doch kaum zu fassen, dass es die Ausländer sind, die die Früchte unserer weltweit erfolgreichen Unternehmen ernten.

Private deutsche Haushalte besaßen im Mai gerade mal noch 12,9 Prozent der DAX-Aktien. Der Anteil des direkten Aktienbesitzes am Gesamtvermögen beträgt nur noch 5.8 Prozent - in der Spitze 1999 waren es noch 14 Prozent. Die Bundesbank konstatiert, dass private Anleger zu zyklisch handeln und in den Jahren 2001/ 2002 und 2008 jeweils in die Kurseinbrüche hinein massiv verkauft hätten. Das ist ein zutiefst beschämendes Zeugnis über die mangelhafte Reife der deutschen Anleger.