Kolumne_suedseiten.de_15.05.2014

Chancen in einem saisonal untypischen Börsenjahr

Die „Sell in May“-Regel trifft oft zu, weil dann die Sommermonate folgen, die meist an der Börse wenig ergiebig sind. Aber warum sollte man verkaufen, wenn man in den zurückliegenden Monaten keinen Gewinn gemacht hat?

Die Börsenentwicklung seit Jahresanfang war wenig erfreulich. Der DAX hat es per Ende April auf ein mageres Plus von 0,5 % gebracht, desgleichen der Dow Jones. Der MSCI Weltindex legte gerade mal um 1,9 % zu, während der MSCI Emerging Markets Index mit 1,7 % im Minus endete.

Es herrschte also weltweit Flaute in den ersten vier Monaten, die saisonal als die besten Börsenmonate gelten. Und nun sind wir im Mai. Für diesen Monat lautet einer der bekanntesten Börsensprüche: „Sell in May and go away“.

Wer aber diesem Rat gefolgt ist, hat letztes Jahr einen der besten Börsenmonate versäumt.

Die Mai-Regel trifft oft zu, weil dann die Sommermonate folgen, die meist an der Börse wenig ergiebig sind. Aber warum sollte man verkaufen, wenn man in den zurückliegenden Monaten keinen Gewinn gemacht hat? Deshalb könnte es durchaus sein, dass die Börsen in diesem Sommer auch eine Ausnahme machen und freundlicher verlaufen als sonst.

Betrachten wir die gegenwärtige Situation: Trotz der sich gefährlich zuspitzenden Lage in der Ukraine haben sich die Börsen recht gut behauptet. Es ist aber anzunehmen, dass sich die Situation noch verschärft, denn Putin wird weiter Unruhe stiften, um das Land zu destabilisieren und die für den 25. Mai geplanten Präsidentschaftswahlen zu stören oder zu verhindern. Doch dieser Konflikt hat seinen Preis. Der russische Aktienindex brach in diesem Jahr um 13 % ein, der Rubel verlor gegenüber dem Euro 10 % und 60 Milliarden Dollar Kapital flossen ins Ausland ab. Die Renditen 10-jähriger Staatsanleihen schossen von 7,8 % auf 9,5 % in die Höhe. Die russische Regierung scheiterte mit dem Versuch, neue Anleihen im Volumen von 400 Millionen Euro zu platzieren. Als Reaktion auf den jetzigen Konflikt wird sich der Westen bei der Energieversorgung umorientieren und größere Teile seines Öl- und Gasbedarfs aus anderen Quellen beziehen. Langfristig sitzt Putin am kürzeren Hebel.

Der Mai könnte auch wegen der Europawahlen für Unruhe sorgen. In jedem Euroland gibt es von links bis rechts Protestparteien. Umfragen besagen, dass sie über ein Viertel der Stimmen bekommen könnten. Angesichts dieser Stimmung betreiben die etablierten Parteien Schönfärberei. Nach der Wahl werden in Euroland wahrscheinlich einige weniger erfreuliche Tatsachen ans Tageslicht kommen. Der neue Regierungschef in Frankreich, Manuel Valls, will die EZB auffordern, die Geldpolitik noch mehr zu lockern, um den starken Euro zu schwächen und eine Deflation abzuwenden.

Das Gerede über die drohende Deflation ist ja völlig absurd. Der Sparzwang und die Kostensenkungen der südeuropäischen Länder haben, wie gewünscht, das Preisniveau gesenkt und die Wettbewerbsfähigkeit verbessert. Die niedrige Inflation ist also gewollt.

Die Debatte über die Deflation hat einen tieferen Grund: Der Euro ist wie eine Zwangsjacke, in die alle, ob groß oder klein, dick oder dünn, hineingeschlüpft sind. Für die Südländer, einschließlich Frankreichs, ist die Jacke zu eng, sie schnürt ihnen die Luft ab. Für Deutschland ist sie zu weit. Letztlich wird es bei uns eher die Inflation sein, die langfristig brandgefährlich ist. Wenn sie denn kommt, steht die EZB vor einem Dilemma: Erhöht sie energisch die Zinsen, droht den Südländern die Zahlungsunfähigkeit, erhöht sie zu wenig oder zu spät, droht Deutschland eine gefährliche Inflation. Ich befürchte Letzteres.

Für dieses Jahr sprechen jedoch die meisten Einflussfaktoren für eine Fortsetzung der Börsenhausse. Konjunkturell geht es weltweit aufwärts. Dank des stärkeren Wachstums steigen auch die Unternehmensgewinne, schätzungsweise um 10-15 %. Damit haben die Aktienkurse fundamental eine solide Grundlage. Die aktuellen Bewertungen liegen noch etwas unter ihrem historischen Durchschnitt. Beim DAX steht das KGV aktuell bei etwa 13, der historische Durchschnitt bei 16. Am billigsten sind heute viele Schwellenländer, wie etwa China, das ein KGV von nur 8 aufweist. Dagegen stellen sichere Anleihen keine Alternative dar. Anstatt dass deutsche Anleger, wie derzeit, 75 % in Geldanlagen zu Minizinsen stecken haben, sollte eine klug konzipierte Vermögensanlage auch Aktien enthalten.

In meinem Buch „Der einfache Weg zum Wohlstand“, erschienen im FinanzBuch Verlag, habe ich eine Systematik dargestellt, wie man ein Wertpapierdepot mit Sicherheitsnetz gestalten kann.

1. Aktieninvestments breit streuen - das senkt das Risiko.

2. International investieren - das steigert die Rendite.

3. Langfristig überlegene Aktienklassen übergewichten - das sind Value-Aktien mit guter Dividende sowie Nebenwerte und Schwellenländer-Papiere.

Mit dieser Struktur des Aktienanteils und einem Anleiheanteil - je nach Risikotoleranz und Alter - zwischen 10 und 50 Prozent ist dieses Portfolio ertragsstark und risikominimiert! Erfreulicherweise feiern Value-Aktien, die jahrelang vernachlässigt wurden, ein beeindruckendes Comeback. Doch im Jahr 2014 dürften angesichts der schrittweisen Rücknahme der Konjunkturstützen und der politischen Unwägbarkeiten die Börsenschwankungen zunehmen. Sie bieten aber gute Gelegenheiten zum günstigen Einkauf. Denn anders als eine wachsende Zahl von Schwarzsehern sehe ich gute Chancen, dass wir noch einige ergiebige Börsenjahre vor uns haben.