Kolumne-Die Welt_10.10,2015

Im vierten Börsen-Quartal müssen Anleger zugreifen

Gute Zeichen: Seit Anfang Oktober sind die Börsenkurse weltweit gestiegen und der Dax hat die 10.000er-Marke wieder übersprungen. Das könnte durchaus der Auftakt für einen goldenen Oktober und ein aussichtsreiches viertes Quartal für die Aktienmärkte sein.

Ein Grund für diesen positiven Ausblick: Nach einer seit April ungewöhnlich langen und einschneidenden Börsenkorrektur hat ein "Selling Climax" – ein massenhafter Ausverkauf – stattgefunden. In dieser nervenzehrenden Phase haben viele Marktteilnehmer ihre Aktien panikartig abgestoßen.

 

Damit hat sich die technische Verfassung der Börse erheblich verbessert. Viele, die ihre Aktien auf den Markt geworfen haben, sitzen jetzt auf zinslosen Bargeldbeständen, und Spekulanten, die Leerverkäufe getätigt haben, müssen Aktien zurückkaufen. Deshalb kann es an den Aktienmärkten steil aufwärts gehen, weil viele wieder gleichzeitig durch dieselbe Tür einsteigen wollen. Ein Hauptgrund für die Verkaufswelle war eine diffuse Angst vor einer US-Zinserhöhung.

Als die Fed, anstatt der im September erwarteten Zinserhöhung, die Leitzinsen unverändert beließ, hätte man steigende Börsenkurse erwartet. Aber nein, die Kurse brachen ein, mit der Begründung, dass die Unsicherheit nun weiter bestehe. Eine Woche später deutete die Fed-Chefin Janet Yellen eine Zinserhöhung noch in diesem Jahr an. Darauf stiegen die Kurse wieder überraschend.

Nachdem nun US-Konjunkturdaten vom Arbeitsmarkt und der Industrie schwächer ausgefallen sind, haben die Märkte eine erneute Kehrtwende vollzogen: Nun steigen die Kurse , weil eine Verschiebung der US-Zinserhöhung erwartet wird. Absurdistan lässt grüßen!

Die hinter uns liegende Korrekturphase, mit all ihren verschiedenen – teils irrationalen Reaktionen, ist Ausdruck einer tiefen Verunsicherung. Dies besonders im Hinblick auf den Börsenkrach in China, der fälschlich als Anzeichen einer Wachstumsschwäche gedeutet wird. Das erklärt auch, warum die Börsen und Währungen aller Schwellenländer auf Talfahrt gingen und in Verbindung damit die Rohstoffe, besonders der Ölpreis. Der Internationale Währungsfonds und die Weltbank haben ihre Konjunkturprognosen prompt gesenkt. Aber was ist von diesen Prognosen zu halten, die vierteljährlich revidiert werden? Meine Antwort: Nicht viel.

In China haben die Regierung und die Zentralbank alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den Sturz der Börse zu stoppen. Und das scheint gelungen zu sein. Eine funktionierende Börse ist für China wichtig, um den wirtschaftlichen Umbruch – weg vom einseitigen Export hin zu mehr Binnenwirtschaft – zu schaffen. Zwar ist die Börse um 40 Prozent gefallen, aber wer Mitte 2014 investiert war, hat immer noch 50 Prozent Gewinn. In Europa hat die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihrem Anleihekaufprogramm ihr unausgesprochenes Ziel einer Euro-Abwertung um gut 20 Prozent geschafft und damit die Wettbewerbsfähigkeit vor allem Italiens und Frankreichs maßgeblich verbessert. In Deutschland wirkt der Zustrom von Flüchtlingen wie ein zusätzliches Konjunkturprogramm. Auch in den USA erweist sich der halbierte Ölpreis als stimulierend. In dem hochmotorisierten Land ist der Nutzen für die Verbraucher größer als die Nachteile für die Ölindustrie.

In den letzten Tagen haben an den Finanzmärkten – die ja die Zukunft spielen und nicht die Gegenwart – interessante Kursbewegungen stattgefunden. Nicht nur die Börsen sind gestiegen, sondern auch die Währungen der Schwellenländer, sowie die Rohstoffe. Das könnten nicht nur Vorboten einer besseren Weltkonjunktur, sondern auch mittelfristig steigender Inflationsraten sein.

Das sind gute Voraussetzungen für eine Fortsetzung der Hausse: Eine nur mäßig wachsende Wirtschaft ist ein ideales Umfeld für Aktien, weil die Realwirtschaft weniger Kapital absorbiert und viel Geld für die Börse übrig bleibt. Und ungeachtet einer ersten US-Zinserhöhung– wann immer sie kommt – betreiben die Notenbanken weiterhin eine ultra-lockere Geldpolitik. Aktien sind nach der Korrektur fundamental billig. Das Kurs/Gewinn-Verhältnis notiert aktuell beim Deutschen Aktienindex (Dax) bei dem Faktor elf. Der historische Durchschnitt liegt bei 16. Damit hat der Dax über 40 Prozent Luft nach oben. Eine Dividendenrendite von 3,7 Prozent – sechsmal so viel wie die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen – spricht ebenfalls für Aktien.

Die US-Börsen sind zwar etwas teurer, aber auch nicht überbewertet. Schließlich sind auch die Papiere der lange verschmähten Schwellenländer wieder kaufenswert. Wie in meinen beiden letzten Kolumnen schon vorgeschlagen empfehle ich erneut, die niedrigen Aktienkurse zum Einstieg zu nutzen und weltweit zu streuen. Nach meiner Erfahrung bewährt sich beim Kauf von Aktien oder börsengehandelten Fonds (ETFs) die Mischmethode: Man kauft in mehreren Teilbeträgen und erzielt dadurch günstige Durchschnittskurse.