Kolumne-Die Welt_23.05.2015

Die historische Zinswende ist da – und sie spricht klar für Aktien

Der April könnte als der Monat in die Finanzgeschichte eingehen, in dem ein seit 33 Jahren fallender Zinstrend zu Ende ging und eine globale Zinswende begann.

Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe war auf ein historisches Tief von 0,05 Prozent gefallen. Doch wie ein Blitz aus heiterem Himmel begann ein sogenannter "Flash-Crash" – der binnen drei Wochen die Rendite auf 0,7 Prozent anhob. Dieser Zinsanstieg entspricht einem Kursverlust von etwa sieben Prozent, bei 30-jährigen Bundesanleihen sogar 17 Prozent.

 

Gerade in Europa schien es doch dank des von der EZB begonnenen Anleihekaufprogramms von 60 Milliarden Euro pro Monat wie eine risikolose Wette, auf weiter sinkende Renditen und entsprechend steigende Anleihekurse zu setzen. Doch statt auf satten Kursgewinnen sitzen geschockte Anleihestrategen auf riesigen Verlusten und suchen händeringend nach Erklärungen für die abrupte Trendwende.

Anfang des Jahres sahen die Konjunkturperspektiven der Welt hoffnungsvoll aus. Doch das erste Quartal verlief ganz anders als erwartet. Das Klima trübte sich ein. Das Wachstum in den USA brach ein, China stufte laufend seine Prognosen herunter und die deutsche Wirtschaft verlor an Schwung.

Oberflächlich betrachtet, bot sich den Anlegern eine schwächelnde Weltwirtschaft, die, zusammen mit dem niedrigen Ölpreis, keinen Gedanken an Inflation aufkommen ließ. Doch sie übersahen, dass es unter der glatten Oberfläche schon brodelte. Der Ölpreis der Sorte Brent war seit Januar um 46 Prozent gestiegen, der Kupferpreis – ein Konjunktur-Frühindikator – um 15 Prozent. Die Inflationsrate war fast überall gestiegen, noch stärker aber die Inflationserwartungen an den Terminmärkten. Für die Euro-Zone haben sie sich auf 1,7 Prozent erhöht.

Damit ist das Deflationsgerede endgültig passé. Das Thema heißt jetzt Inflation. Die schwache US-Konjunktur beruht auf Sonderfaktoren: Der besonders harte Winter und ein Hafenarbeiterstreik. Hinzu kommt der starke Dollar.

In Europa wird die Konjunktur durch vier Faktoren begünstigt: Extrem niedrige Zinsen, billiger Euro, niedriger Ölpreis und eine von der EZB vergrößerte Liquiditätsflut, die schon zu einer steigenden Kreditvergabe beigetragen hat. In der Euro-Zone, mit Ausnahme Griechenlands, geht es moderat aufwärts. Und in den USA werden die nächsten Quartale wegen der Aufholeffekte deutlich besser ausfallen.

Auch in Japan hat sich die Konjunktur verbessert. Und China kurbelt energisch die Wirtschaft an – mit Zins- und Mindestreserve-Ssenkungen sowie Infrastrukturprojekten. Unter dem Strich ergibt das einen leicht beschleunigten Aufschwung der Weltwirtschaft. Er wird die Rohstoffpreise, insbesondere den Ölpreis, weiter antreiben.

Bei zunehmender Beschäftigung kommt es zu deutlich höheren Lohnabschlüssen. Deutsche Unternehmen mussten zuletzt wegen des schwachen Euro, höherer Lohnkosten und teurerem Öl entsprechend mehr Geld ausgeben. Die Einkaufspreise legten im Mai so kräftig zu, wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr. Wir erleben also die Korrektur extremer Entwicklungen: Der Ölpreis, der Euro/Dollar-Kurs, die Anleiherenditen und die Null-Inflation streben auf ein Normalmaß zurück. Aber diese Rückkehr zur Normalität wird nicht ohne Turbulenzen an den Finanzmärkten stattfinden.

Bei einem Anstieg der Inflationsrate in Richtung zwei Prozent, ergibt das bei einem Realzins von ebenfalls zwei Prozent vier Prozent Nominalzins. Bei den heutigen 0,6 Prozent Nominalzins einer zehnjährigen Bundesanleihe würde das 25 Prozent Kursverlust bedeuten. Das wird nicht über Nacht passieren.

Aber bei dem abenteuerlichen Gewaltakt der Europäischen Zentralbank mit ihrem Gelddruckprogramm, wage ich mir nicht vorzustellen, wie die künstlich erzeugte Anleiheblase bei steigender Inflation, ohne zu platzen, entleert wird. Staatsanleihen sind heute also riskanter als Aktien.

Auf längere Sicht bleiben Aktien attraktiv, auch wenn das Bewertungsniveau nicht mehr niedrig ist. Aber der billige Euro, die niedrigen Zinsen und der immer noch günstige Ölpreis wird in Europa, besonders in Deutschland, die Konjunktur und die Unternehmensgewinne antreiben.

Die vorausgeeilten Aktienkurse werden dadurch unterfüttert und stehen auf einer solideren Basis. Allerdings dürfte die Korrektur noch etwas andauern. Dafür sorgen die Unsicherheit über die Zinsentwicklung und die ungelöste Griechenland-Krise. Wie ich wiederholt empfohlen habe, sollten Dividendentitel, Nebenwerte und Schwellenländeraktien in einem breit international diversifizierten Depot bevorzugt werden. Aktien haben langfristig weiterhin Kursfantasie, bieten gleichzeitig Schutz vor der Inflation und ihre Kurse können auch bei höheren Zinsen weiter steigen. Kursrücksetzer bieten eine willkommene Einstiegs-Gelegenheit.