Kolumne-Die Welt_14.03.2015

Die Hausse kann noch Jahre weitergehen

Für den Einstieg in Aktien ist es daher noch nicht zu spät

Diese Woche feierte der weltweite Aktienaufschwung sein sechsjähriges Jubiläum. Es fand in aller Stille statt, obwohl der DAX seit März 2009 um das Dreifache, der amerikanische S&P500 um das Vierfache und der MDAX gar um das Fünffache gestiegen sind. In der gleichen Zeit gingen Zinssparer fast leer aus. Ich schrieb schon in meiner "Welt"-Kolumne am 20. Dezember 2008, als die Welt am Abgrund stand: "Das Börsenjahr 2009 könnte ein gutes Börsenjahr werden." Meine damals gewagte Aussage basierte auf der Annahme, dass die Rezession in der zweiten Hälfte 2009 enden würde und die Börsen diese sechs Monate vorwegnehmen würden. Genauso kam es.

Ich werde jetzt öfter gefragt, ob denn dieser Aufschwung weitergehe oder ob nicht bald ein Crash bevorstehe. Die gute Nachricht ist, dass angesichts der riesigen weltweiten Geldschwemme, die von März 2015 bis September 2016 durch die EZB um weitere 1,1 Billionen Euro vergrößert wird, der Aufschwung um Jahre weitergehen kann.

Die schlechte Nachricht ist, dass diese größte Geldflut der Finanzgeschichte früher oder später die Inflation anheizen wird. Deutschen Sparern droht dreifaches Unheil: Andauernde Enteignung wegen Nullzinsen, Entwertung ihrer Ersparnisse wegen der kommenden Inflation, Gefährdung der Altersrente – vor allem der jüngeren Generation.

Nur mit Sachwerten kann man sich vor Inflation schützen, und das sind an erster Stelle Aktien. Daher ist es ein Muss, in Aktien anzulegen. Allerdings sind andere Regeln zu beachten als zu Beginn einer Hausse. So manche Aktie ist überteuert, da fällt die Selektion schwer. Die andere Variante, den günstigen Zeitpunkt zu erwischen – das "Timing" – funktioniert selten und jetzt noch weniger. Zwecks Risikoreduzierung rate ich, nicht allein auf den DAX zu setzen, sondern ein breit diversifiziertes, internationales Wertpapierdepot zu erstellen. Das geht mit dem geringsten Aufwand und den niedrigsten Kosten mit Index-Fonds, sogenannten ETFs, die sich auch für kleine Anlagesummen eignen. Bei der Auswahl sollten die langfristig überlegenen Aktienklassen übergewichtet werden: dividendenzahlende Substanzwerte, Nebenwerte und Schwellenländeraktien. Eine Liste mit ETFs sowie Aktien- und Anleihefonds, mit denen sich ein risikominimiertes, ertragsstarkes Depot erstellen lässt, enthält mein Buch "Der einfache Weg zum Wohlstand". Die Treiber für eine Fortsetzung der Aktienhausse sind:

1. Der Anlagenotstand: Wegen mittelfristig fehlender Aussicht auf steigende Zinsen und wegen der Geldschwemme gibt es kaum Alternativen zu Aktien.

2. Der halbierte Ölpreis wirkt wie ein globales Konjunkturprogramm und steigert das Wachstum und die Unternehmensgewinne.

3. Fundamental sind Aktien noch relativ moderat bewertet. Gemessen am Buchwert sind europäische und asiatische Aktien am billigsten und mit Dividendenrenditen von drei bis vier Prozent besonders attraktiv.

4. Von Euphorie ist nichts zu sehen. Deutsche Privatanleger haben 2014 für über zehn Milliarden Euro Aktienfonds verkauft.

Von Blase kann also noch keine Rede sein. Nur bei Staatsanleihen gibt es eine Blase – noch vergrößert durch die Ankäufe der EZB. Die Behauptung von EZB-Präsident Mario Draghi , dass er damit eine Deflation abwenden wolle, ist ein Scheinargument, denn zum einen ist der Preisrückgang bisher minimal und zum anderen entsteht er durch die gefallenen Ölpreise. Nein, Draghi will damit den Euro abwerten. Die strukturell nicht wettbewerbsfähigen Südländer wie Italien haben vor dem Beitritt zum Euro häufig abgewertet. Jetzt besorgt Draghi dies für seine Landsleute und andere Problemländer und macht den Euro zu einer Schwachwährung. Aber die Weltwirtschaft belebt sich, ausgehend von den USA, bereits.

Draghi geht ein riskantes Abenteuer ein. Ich wage mir nicht vorzustellen, was er tun wird, wenn die Weltkonjunktur, der Ölpreis und die Rohstoffpreise anziehen und die Inflation steigt. Das könnte in den nächsten Jahren eintreten.

Wird er die Zinsen rechtzeitig anheben, wenn die Südländer schon heute trotz günstiger monetärer Bedingungen ihren Laden nicht in Ordnung bringen? Ich bezweifle es und befürchte, dass vor allem deutsche Sparer die Zeche zahlen müssen. Daher noch einmal: Es ist spät, aber nicht zu spät, endlich zum Schutz des Vermögens und zur Sicherung der Altersvorsorge in Aktien anzulegen.

Anleger sollten es bald tun. Noch herrscht Ruhe an den Aktienmärkten, wenn auch seit Jahresbeginn mit dem rasanten Anstieg – beim DAX um 17 Prozent – ein Hauch von Spekulationsfieber zu spüren ist. Sollte sich das fortsetzen, könnte es sogar zu einer Kaufpanik kommen, bei der die Kurse sprunghaft steigen.