Kolumne_boerse-online.de_07.11.2013

Börse im Höhenflug: Warum die Rallye weitergeht

Nachdem der DAX über die 9.000-Punkte-Marke gesprungen ist, sind Anleger vorsichtiger für 2014 geworden. Doch Gefühle sind nicht immer ein guter Ratgeber an den Börsen. Ein Ausblick muss sich vor allem an der Geldpolitik und der Konjunktur orientieren.

Mit dem Sprung über die 9000-Punkte-Marke hat der DAX seit Ende 2011 um gut 50 Prozent zugelegt, der MDAX sogar um fast 80 Prozent. Da liegt es in der Natur der Anleger, dass sie nach solchen Zuwächsen vorsichtiger werden und 2014 von Aktien nicht allzu viel erwarten. Rein intuitiv kann ich diese Bedenken verstehen, zumal die Kurse seit der Korrektur vom Juni ohne großen Rückschlag nach oben gegangen sind und eine Atempause inzwischen überfällig und auch mehr als gesund wäre. Aber Gefühle sind an den Börsen zwar nicht zu unterschätzen, aber nicht immer ein guter Ratgeber. Ein Ausblick für 2014 muss sich vor allem an Fakten und wahrscheinlichen Entwicklungen orientieren. Und hier spielen die Geldpolitik und die Konjunktur die überragende Rolle.

2014 wird ein spannendes Jahr, in dem wir von dem Ausnahmezustand, der seit dem Ausbruch der Finanzmarktkrise 2008 herrscht, langsam in den Normalzustand zurückkommen. Es wird ein Jahr der Wende und der Neubeginne. Um uns ein Bild über die Auswirkungen auf die Finanzmärkte zu machen, sollten wir versuchen, die wichtigsten Fragen zu beantworten:

1. Welche Folgen wird die Wende in der US-Geldpolitik haben, d.h. das Ende der massiven Gelddruckerei? Dass dies ein schwieriges Unterfangen werden wird, konnten wir an den panikartigen Reaktionen der Finanzmärkte sehen, als im Mai Fed-Chef Bernanke andeutete, dass die „Gelddrogenmenge“ in absehbarer Zeit etwas gekürzt werden könnte. Prompt fielen die Aktienkurse und die Langfristzinsen schossen in die Höhe. Das war ein Schock für Bernanke. Er tat anschließend alles, um die Märkte zu beruhigen und die Langfristzinsen wieder nach unten zu bringen. Mit Erfolg.

Diese Politik wird auch seine designierte Nachfolgerin Janet Yellen ohne Abstriche weiterverfolgen. Sie ist ganz auf Bernankes Wellenlänge. An der Wall Street gilt sie eher als „Taube“, die – im Gegensatz zu den „Falken“ – eine sanftere Haltung in der Geldpolitik einnehmen wird. Die US-Geldpolitik bleibt darauf angelegt, die Hypothekenzinsen so tief wie möglich zu halten, um Hauskäufer zu animieren und damit dem Immobilienmarkt auf die Beine zu helfen. Höhere Immobilienpreise und Börsenkurse erzeugen bei den Amerikanern ein „Wohlstandsgefühl“, und das belebt den Konsum, und der wiederum hilft, die Investitionen und die Konjunktur in Schwung zu bringen. Noch reicht dieser Schwung aber nicht für einen selbsttragenden Wirtschaftsaufschwung.

Zur Beschreibung der jetzigen Situation ein Beispiel aus der Alltagspraxis: Wenn der Motor eines Autos nicht anspringt, weil die Batterie leer ist, kann er in Gang gesetzt werden, in dem man das Auto anschiebt. Meist fängt der Motor an zu stottern, bis er dann auf volle Touren kommt. Hört man aber zu früh zu schieben auf, stirbt er wieder ab. Die unkonventionelle Geldpolitik nach Ausbruch der Finanzkrise war so ein Anschieben. Und zu früh aufhören wird die Fed um jeden Preis verhindern.

In dieser Situation, auch infolge der ausgefallenen Wirtschaftsleistung während des US-Haushaltsstreits wird sie ihre lockere Geldpolitik weiter betreiben, auch wenn sie 2014 anfangen wird, die Anleihekäufe langsam zu drosseln. Dies auch unter dem Aspekt, dass der US-Staat – vor allem wegen der automatischen Haushaltskürzungen nach „Rasenmähermethode“ – mit seinen Ausgabensenkungen die Konjunktur und die Inflation bremst. Die bereits vorhandene und noch laufend größer werdende Überliquidität sorgt für steigende Kurse an der Börse, bis sie mehr und mehr in die Realwirtschaft fließt, wenn die Konjunktur anzieht. Die Langfristzinsen werden zwar steigen, aber moderat. Studien zeigen, dass Aktien erst ab Renditen von sechs Prozent leiden. Davon sind wir in den USA mit 2,5 Prozent weit entfernt.

2. Was machen die anderen Notenbanken? Für die EZB hat sich mit dem jüngsten drastischen Rückgang der Inflationsrate im Euroraum auf 0,7 Prozent und dem bis vor wenigen Tagen starken Euro eine neue Situation ergeben: Sie muss den Höhenflug der Gemeinschaftswährung beenden, weil er die zarte Konjunkturerholung abwürgen könnte, und sie muss die aufflammende Angst vor einem sinkenden Preisniveau, also einer Deflation (nicht in Deutschland, wo die Inflationsrate mit 1,2 Prozent fast doppelt so hoch ist, aber in den Problemstaaten) bekämpfen. Deshalb ist noch eine Zinssenkung wahrscheinlich, ebenso neue Liquiditätsmaßnahmen. Das hält die Langfristzinsen auch im Euroraum weit unten, Bonds bieten damit für Privatanleger unter Renditeaspekten auch 2014 keine echte Alternative zu Aktien, von Bankeinlagen ganz zu schweigen. Da auch Japan, das fast zwei Jahrzehnte unter der Deflation geächzt hat, seine resolute Niedrigzinspolitik fortsetzen und die Liquiditätsschleusen weiter öffnen wird, gehen von der Geldpolitik der Industrienationen insgesamt positive Börsenimpulse aus. Sie bleibt die treibende Kraft für den Aufschwung.

3) Wie sieht es mit der Konjunktur aus? Die Signale für einen globalen Wirtschaftsaufschwung sind zwar noch nicht eindeutig, aber es ist klar erkennbar, dass im Sommer in allen Regionen – in den USA, in China, in Japan und nun sogar in Europa – die Ampeln von Gelb auf Grün geschaltet haben. Erstmals seit Ausbruch der Krise beginnt damit 2014 weltweit ein synchroner Konjunkturaufschwung, bei dem sich die Regionen gegenseitig aufschaukeln. Das globale Wachstum dürfte deshalb 2014 eher positiv überraschen. Und damit auch die Unternehmensgewinne.

4) Sind Aktien schon überbewertet? Die Kennzahlen, ob Kurs-/Gewinn-Verhältnis (KGV), Kurs-/Buchwert-Verhältnis (KBV) oder Dividendenrendite, sind bei weitem nicht mehr so günstig wie 2009 oder 2011. Sie nähern sich ihren langfristigen Durchschnitten an. Das isoliert betrachtet, würde eher zur Vorsicht mahnen. Aber im Vergleich zu Anleihen und anderen Zinsanlagen sind Aktien relativ preiswert. Das gilt vor allem für die Dividendenrenditen, die im Euroraum im Durchschnitt nahe vier Prozent und beim DAX bei drei Prozent liegen und damit weit über den Renditen zehnjähriger Bundesanleihen.

Hinzu kommt die Erwartung steigender Unternehmensgewinne dank des stärkeren weltweiten Wirtschaftswachstums, was den Aktien Kursphantasie verleiht. Kurzfristig scheinen die Aktien aber etwas überkauft.

Die neuen Höchststände bei DAX und Dow wurden allerdings nicht von Hochstimmung begleitet. Die Stimmung ist noch immer verhalten. Leider haben aber deutsche Anleger von der bisherigen Hausse kaum profitiert. Nach einer aktuellen Statistik der Bundesbank hatten deutsche Privathaushalte nur 5 Prozent ihres Geldvermögens in Aktien angelegt.

Fazit: Aktien haben trotz einer fast 5-jährigen Hausse noch Kurspotential und weltweit gibt es kaum attraktive Alternative zu Aktien.

Nachdem der DAX über die 9.000-Punkte-Marke gesprungen ist, sind Anleger vorsichtiger für 2014 geworden. Doch Gefühle sind nicht immer ein guter Ratgeber an den Börsen. Ein Ausblick muss sich vor allem an der Geldpolitik und der Konjunktur orientieren. Wo lohnt der Einstieg? Europäische Aktien sind noch relativ preiswert. Verglichen mit dem MSCI Weltaktien-Index sind sie gemessen am Buchwert um 15 Prozent günstiger zu haben und ihre Dividendenrendite ist mit 3,3 Prozent um 30 Prozent höher. Ebenfalls attraktiv bewertet sind japanische Aktien. Amerikanische Aktien sind dagegen um 10-15 Prozent zu teurer.

Die Emerging Markets, die infolge großer Abflüsse von Auslandskapital sowohl Einbußen bei Aktien als auch bei ihren Währungen erlitten haben, sind gemessen an Buchwert, KGV und Cashflow im Vergleich zum MSCI Weltaktien-Index um 25 bis 30 Prozent billiger.

Um das Risiko einzugrenzen empfiehlt es sich aber, in Emerging Markets mittels globaler Fonds zu investieren.

Generell dürften Value-Aktien (Substanzaktien) mittelfristig besser abschneiden als Wachstumsaktien. Eine Übergewichtung dieser Aktienklasse verspricht nicht nur eine höhere Rendite sondern gleichzeitig auch ein geringeres Risiko, wie in meinem neuen Buch „Der einfache Weg zum Wohlstand“ ausführlich beschrieben.

Natürlich gibt es Risiken, angefangen von den Budgetverhandlungen in den USA, über die chinesische Immobilienblase und die japanische Mehrwertsteuererhöhung bis zum möglichen Wiederaufflammen der europäischen Schuldenkrise, falls die Problemländer in ihren Sparanstrengungen noch mehr nachlassen. Das alles wird meines Erachtens den Aufwärtstrend der Aktien nicht verhindern, aber immer wieder mit heftigen Rückschlägen unterbrechen. Aber so lange die Geldpolitik alles tut, um Konjunktur und Märkte ins Laufen zu bringen und die Weltwirtschaft ihre moderate Erholung fortsetzt – was ich erwarte – verspricht 2014 trotz wahrscheinlich größerer Schwankungen ein erfreuliches Börsenjahr zu werden.