Kolumne_Die Welt_13.03.2000

High-Tech-Wahn – Die Zeit für einen Trendwechsel ist reif

Fast scheint es, als hätte die so genannte „Neue Ökonomie“ an den Börsen endgültig das Zepter übernommen. Während die Nasdaq es in den ersten Wochen des neuen Milleniums bereits auf ein Plus von etwa 21 Prozent gebracht hat, steht der Dow Jones mit rund 13 Prozent im Minus. Genau das gleiche Bild zeigt sich in Deutschland: Der Dax ist in diesem Jahr um 18 Prozent gestiegen, obwohl zwei Drittel der Titel – zum Teil deutlich – im Minus stehen. Nur eine Handvoll Technologiewerte trägt die Hausse.

Alles, was mit dieser virtuellen Welt zu tun hat, bekommt einen magischen Anstrich und wird mit Fantasiepreisen bezahlt. Das beste Beispiel dafür ist der Börsengang von Infineon. Am Grauen Markt  wurden zuletzt Kurse genannt, die um mehr als das Doppelte über dem Emissionspreis liegen.

In der Goldgräberstimmung, die derzeit herrscht, ist blinde Gier an die Stelle der abwägenden Vernunft getreten.

Der High-Tech-Börsenwahn hat solche Formen angenommen, dass die Mehrzahl der „normelen“ Aktien gemieden wird. Etwa 70 Prozent aller amerikanischen Aktien haben es in den letzten zwei Jahren zu nichts gebracht. Obwohl diese Aktien heute tief stehen und die meisten eher unterbewertet sind, werden sie noch verkauft, um die Mittel dort einzusetzen, wo das schnelle Geld gemacht wird. Nicht genug damit, wird zunehmend auf Kredit spekuliert.

Keine Frage: Die High-Tech-Werte sind überwertet und überkauft. Je länger und heftiger die Spekulation andauert, desto stärker wird die Korrektur ausfallen.

Wann dies geschehen wird, weiß niemand. Sicher ist, dass das Börsenklima in den nächsten Monaten weniger freundlich sein wird. Die Gründe dafür sind, dass die Liquidität an den Kapitalmärkten knapper wird. Die Notenbanken haben vor dem Milleniumswechsel viel Geld in den Kreislauf gepumpt, um keinerlei Engpässe bei Banken entstehen zu lassen. Diese überschüssige Liquidität wird nun wieder eingesammelt. Gleichzeitig absorbieren die Rohstoffmärkte und der weltweite Konjunkturaufschwung mehr Kapital.

Die langjährige Aktienhausse wurde angetrieben von einer expansiven Geldpolitik und einem beträchtlichen Anstieg der Verschuldung sowohl im Privat- wie im Industriesektor. Diese Geldschöpfung hat zu einer Inflation der angenehmen Art geführt: Der Inflation der Wertpapierpreise, mit Auswüchsen an der Nasdaq und am Neuen Markt, die mehr mit Kasino als mit Geldanlage zu tun haben. Nun ist die schöne Zeit der Überliquidität vorbei: die Inflationsraten ziehen an und weitere Zinserhöhungen stehen bevor.

Die Zeit für einen Trendwechsel ist reif: Die Technologiehausse stößt an ihre oberen Grenzen, während das Gros der Aktien Boden findet und ihre Baisse sich dem Ende nähert. So mancher Schnäppchenjäger, der heute seine Triumphe am Neuen Markt oder der Nasdaq feiert, könnte später die bittere Erfahrung machen: „Wie gewonnen, so zerronnen.“

Die bessere Anlagestrategie wäre, sich in den vernachlässigten Werten umzusehen und bei niedrigen Kursen allmählich einzusteigen. Viele dieser Werte sind heute 30 bis 40 Prozent billiger zu ahben als vor einem Jahr. Einige Titel, die mir gefallen, sind: BASF, Bayer, Metallgesellschaft, Daimler, VW, Caterpillar, Pfizer, IBM, Diageo, Unilever, und Zürich Allied.