Kolumne_Die Welt_14.04.2008

Hedgefonds haben beim Januar-Crash mitgemischt

Rückabwicklung einer gigantischen Verschuldungsorgie ließ die Kurse einbrechen

Blick zurück mit Schaudern. Der Dax hat gerade das schlechteste erste Börsenquartal in den letzten 25 Jahren hinter sich gebracht.

In den ersten drei Monaten 2008 verlor der Leitindex 19 Prozent an Wert. Bei den 30 Dax-Titeln standen 29 Verlierer einem einzigen Gewinner – VW – gegenüber. Auch der EuroStoxx 50, der die größten Unternehmen der Euro-Zone enthält, schnitt mit einem Verlust von 18 Prozent ähnlich schlecht ab, während der MSCI Weltindex 16 Prozent einbüßte. Ein Trauerspiel.

Üblicherweise zählen die ersten Monate des Jahres bei Aktien in Bezug auf die Rendite zu den ertragreichsten des Jahres. Warum nahmen die Börsen dieses Jahr einen so untypischen Verlauf? Die Berichterstattung über das Börsengeschehen drehte sich hauptsächlich um die US-Immobilienkrise, die horrenden Abschreibungen der Banken bei Anleihen minderer Bonität sowie die Frage, ob Amerika in eine Rezession gerät und diese auch die ganze Welt in Mitleidenschaft ziehen würde.

Fast nichts war zu lesen über die Machenschaften der Hedgefonds. Sie waren in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen. Da sie meist in Steueroasen residieren, gibt es über sie sehr wenig handfeste Daten. Es wird aber geschätzt, dass es über 10 000 Hedgefonds gibt mit einem Eigenkapital von mehr als zwei Billionen Dollar. Da sie mit Hebelwirkung arbeiten und ihre Investments in Anleihen, Aktien, Rohstoffen und Devisen oft mit 90 bis 95 Prozent auf Kredit finanzieren, beträgt ihre Manövriermasse ein Mehrfaches ihres Eigenkapitals. Ein kürzlich pleitegegangener Hedgefonds von Carlyle Capital hatte 22 Mrd. Dollar mit nur 670 Mio. Dollar Eigenkapital in Wertpapiere investiert. Als die Kurse der Investments fielen, musste der Fonds nachschießen, hatte aber keine Liquidität mehr. So wurde das gesamte Engagement von den kreditgebenden Banken abgewickelt. Das Resultat: Verluste für die Banken und Totalverluste für die Anleger.

Die Hauptursache für die heftige Korrektur an den Börsen seit Jahresbeginn liegt nicht in einer möglichen Rezession in den USA und einem geringeren Wachstum der Weltwirtschaft mit entsprechenden Gewinnrückgängen der Unternehmen, sondern in dem Platzen der größten Kreditblase in der Finanzgeschichte. Diese Blase hatte sich über Jahre gebildet. Zum einen durch die Niedrigzinspolitik der US-Notenbank Fed sowie die Geldschöpfung über massive Käufe von US-Dollar-Anleihen durch die Zentralbanken Japans und Chinas, die damit die Aufwertung ihrer Währungen verhinderten.

Eine weitere Aufblähung der weltweiten Liquidität geschah durch die „Carry Trades“ der Hedgefonds. Diese nahmen Kredite in Niedrigzinswährungen – wie dem japanischen Yen – praktisch zum Nulltarif auf, um damit Anleihen in anderen Währungen und mit höheren Zinsen zu kaufen oder in Aktien oder Rohstoffe zu investieren. Die Folge war, dass der Kurs des Yen gegenüber dem US-Dollar und dem Euro ständig fiel. Es war ein wunderbares Geschäft für die Hedgefonds, das sowohl bei dem Yen-Kredit als auch bei den Investments Gewinne abwarf. Als die Kurse aber fielen, war das Eigenkapital schnell aufgezehrt. Die Hedgefonds mussten nachschießen oder ihre Investments wurden verkauft – zu jedem Preis.

Auffällig war, dass die Verkaufswelle bei Aktien am ersten Handelstag 2008 begann und sich unaufhörlich über das ganze erste Quartal fortsetzte. Obwohl nirgendwo etwas darüber zu lesen war, muss man vermuten, dass es ein Stillhalteabkommen zwischen den Spekulanten und ihren Kreditgebern gegeben haben muss, die Schieflagen erst im neuen Jahr glattzustellen, um die Jahresabschlüsse beider Partner nicht zu verschlechtern. Nicht eine drohende Rezession in den USA, sondern der Beginn einer Rückabwicklung der gigantischen Spekulations- und Verschuldungsorgie war die Hauptursache für die heftige Börsenkorrektur.

Inzwischen haben die Fed und das Weiße Haus energische Schritte unternommen, um die Finanzkrise zu überwinden und die Konjunktur anzukurbeln. Sie hat ein Konjunkturprogramm in Höhe von 170 Mrd. Dollar aufgelegt, das den Konsum und die Investitionen fördern soll. Die Fed hat in kurzer Zeit die Leitzinsen von 5,25 auf 2,25 Prozent gesenkt und dem Bankensektor massive Geldspritzen verabreicht. Darüber hinaus hat die Fed die fünftgrößte Investmentbank Bear Stearns vor der Pleite bewahrt, für deren Übernahme durch die J.P. Morgan Chase Bank sie einen 30 Milliarden Dollar-Kredit bereitstellte und als Sicherheit Anleihen minderer Bonität („Subprime“) annahm. Damit wurde ein dreifaches Signal gesetzt: Erstens: „Subprime“- Anleihen sind kein Ramsch. Zweitens: die Pleite einer Bank wird man nicht zulassen, denn sie könnte auch andere Banken in den Strudel ziehen und einen Dominoeffekt auslösen. Und drittens wird man kurzfristig etwas mehr Inflation in Kauf nehmen.

Als Folge der bereits getroffenen Maßnahmen wird sich die Lage an den Finanzmärkten und in der Wirtschaft ab dem zweiten Halbjahr bessern. Es wird noch eine Reihe von Pleiten bei Hedgefonds geben und deren Abwicklung wird sporadisch für Börsenschwankungen sorgen. Aber angesichts moderater Unternehmensgewinne, günstiger Bewertungen am Aktienmarkt, eines starken Wachstums in den Schwellenländern, niedriger Zinsen und Anleiherenditen, einer üppigen Liquiditätsausstattung der Märkte sowie extrem positiver markttechnischer Faktoren, ist zu erwarten, dass sich an den Aktienmärkten ein stetigerer Aufwärtstrend einstellen wird.