Kolumne_Die Welt_03.05.2014

Die Angst der Börsianer vor einer Deflation ist absurd

Vielmehr ist die Inflation langfristig brandgefährlich

Die Monate Januar bis April gelten als die saisonal besten Börsenmonate. Doch dieses Jahr haben Aktien kaum Gewinn gebracht. Für den Mai lautet einer der bekanntesten Börsensprüche: "Sell in May and go away". Soll man diesem Rat tatsächlich folgen und Aktien verkaufen? Diese Frage stellen sich viele Anleger, weil der Börsenaufschwung nach dem schweren Einbruch von 2008 schon fünf Jahre andauert. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Zahl der Schwarzseher zunimmt. Manche befürchten einen Börsenkrach wie 1929. Doch die heutige Situation ist völlig anders. Es gibt vielmehr gute Chancen, dass wir noch einige gute Börsenjahre vor uns haben.

Trotz Krim-Krise und Säbelrasseln der Russen an der Grenze der Ostukraine haben sich die Börsen gut behauptet. Das Angstbarometer V-Dax ist nur leicht gestiegen. Die Marktteilnehmer rechnen damit, dass eine von beiderseitigem Interesse geleitete Realpolitik letztlich zu einer Entspannung führen wird.

Aber der Mai könnte wegen der Europawahlen für Spannung sorgen. Umfragen besagen, dass linke und rechte Protestparteien über ein Viertel der Stimmen bekommen könnten. Denn der Unmut der Bürger richtet sich gegen die Bürokratie in Brüssel und die Sparzwänge in den Schuldnerländern. Auch in den Geberländern ist das Unbehagen groß, hauptsächlich in Deutschland. In Italien gibt es zwar einen dynamischen Regierungschef, der überfällige Reformen anpacken will. Dasselbe möchte Frankreichs neuer Regierungschef Manuel Valls. Doch der hat schon angekündigt, dass die EZB auffordern will, die Geldpolitik noch mehr zu lockern, um den starken Euro zu schwächen und eine Deflation abzuwenden.

Das Gerede über die drohende Deflation ist jedoch absurd. Der Sparzwang der südeuropäischen Länder hat, wie gewünscht, das Preisniveau gesenkt und die Wettbewerbsfähigkeit verbessert. Die niedrige Inflation ist also gewollt. Das Gerede über die Deflation hat einen tieferen Grund: Der Euro ist wie eine Zwangsjacke, in die alle, ob groß oder klein, dick oder dünn, hineingeschlüpft sind. Für die Südländer, einschließlich Frankreich, ist die Jacke zu eng, sie schnürt ihnen die Luft ab. Für Deutschland ist sie zu weit.

Auch 1929 gab es eine Zwangsjacke, den Goldstandard, der zur Katastrophe führte, in die tödliche Deflation. Diesmal wird es eher die Inflation sein, die langfristig brandgefährlich ist. Schon jetzt zeigen sich inflationäre Tendenzen. Die hohen Tarifabschlüsse, die Einführung des Mindestlohns, die gute Beschäftigungslage und der Fachkräftemangel werden die Löhne und mit Verzögerung die Preise treiben. Und dann steht die EZB vor einem Dilemma: Erhöht sie resolut die Zinsen, droht den Südländern Zahlungsunfähigkeit, erhöht sie sie zu wenig, droht Deutschland eine gefährliche Inflation.

Für dieses Jahr sprechen jedoch die meisten Einflussfaktoren für eine Fortsetzung des Börsenaufschwungs. Konjunkturell geht es weltweit voran. Das Wirtschaftswachstum in den USA und in England ist stark. Angeführt von Deutschland geht es auch in der Euro-Zone - selbst in den Krisenländern - aufwärts. In China gibt es zwar Probleme im Schattenbanken-Sektor und bei den hoch verschuldeten Kommunen. Die dürften aber beherrschbar sein. Dank des höheren Wachstums werden die Unternehmensgewinne steigen - um zehn bis 15 Prozent. Damit stehen die Börsenkurse fundamental auf einem soliden Boden. Die aktuellen Bewertungen liegen leicht unter ihrem historischen Durchschnitt. Auch gemessen am Buchwert sind Aktien nicht überteuert. Und verglichen mit den Magerzinsen bei Anleihen bleiben Aktien alternativlos.

Doch 2014 ist ein Übergangsjahr. Zwar sind die Wunden der Rezession noch nicht ganz verheilt. Aber die Konjunkturstützen werden verringert und es geht Schritt für Schritt zurück zur Normalität. Steigende Zinsen und höhere Inflation werden die Folgen sein. Um die Risiken zu dämpfen, sollte ein Wertpapierdepot international diversifiziert sein. Value-Aktien weisen eine moderate Bewertung sowie eine hohe Dividendenrendite auf und sollten übergewichtet werden. Sie wurden lange vernachlässigt, feiern nun aber ein Comeback. Europäische Aktien haben Nachholbedarf, genauso wie einige Schwellenländer, deren Aktien und Währungen sich verbilligt haben. Dazu zählen China, Brasilien, Korea, Polen und Russland. Angesichts der politischen Unwägbarkeiten dürften die Börsen zwar stärker schwanken – aber etwaige Rücksetzer bieten gute Gelegenheiten zum günstigen Einkauf.