Kolumne_Die Welt_16.07.2014

Große Koalition schreckt viele Anleger ab

Die Ausweitung des Sozialstaats macht den Standort unattraktiver

Die Freude über den Dax-Rekord von 10.000 Punkten währte nicht lange: Mit den Problemen der portugiesischen Großbank Banco Espírito Santo ist die Angst vor einem Wiederaufflammen der Euro-Bankenund Schuldenkrise zurück an den Börsen. Dabei waren die 10.000 Zähler eigentlich kein Grund zum Jubeln. Denn damit hatte der Dax seit Jahresbeginn gerade einmal um 4,7 Prozent zugelegt. Ohne Dividenden, so wie es bei internationalen Indizes üblich ist – also beim Kurs-Dax – waren es nur gut zwei Prozent. Damit hinken deutsche Aktien klar hinter dem MSCI-Weltindex und dem MSCI Schwellenländerindex her. Die Börse als Frühindikator der wirtschaftlichen Entwicklung hat offenbar für Deutschland ein negatives Urteil gefällt. Der Grund ist leicht zu finden: Die große Koalition schmeckt Anlegern nicht.

Empirische Studien der letzten 60 Jahre aus den USA zeigen, dass die Mehrheitsverhältnisse zwischen Regierung und Opposition auf die Börsentendenz einen großen Einfluss haben.

Wenn die Regierung durch eine starke Opposition oder gar ein Patt gehindert wird, unvernünftige und unsinnige Gesetze zu beschließen, blüht die Börse auf. Wenn sie aber machen kann, was sie will, reagieren die Märkte nervös. Sie befürchten zu Recht, dass die Regierung Umverteilung betreiben wird.

Mit der Selbstgewissheit ihrer 80-Prozent-Mehrheit hat die Große Koalition kostenträchtige Sozialausgaben beschlossen, wie die Mütterente und die abschlagfreie Rente mit 63. Die Ausweitung des Sozialstaats aber macht den Standort Deutschland weniger attraktiv. Ausländische Investoren werden sich eher zurückhalten. Der Euro ist ein weiterer Unsicherheitsfaktor. Die politischen Erklärungen, die Krise im Euro-Raum sei überwunden, sind Schönfärberei, wie jetzt die Probleme in Portugal zeigen. Gleichzeitig verlangen Italien und Frankreich lautstark, den Fiskalpakt zu lockern. Und die EZB soll den Euro schwächen und die Märkte mit noch mehr Liquidität fluten.

Die Südländer möchten am liebsten wieder die Freiheiten haben, die sie vor dem Euro hatten: Sie haben ihre Währung abgewertet und mehr Schulden gemacht, wenn die Wirtschaft lahmte. Wenn sie zu wenig Abnehmer ihrer Staatsanleihen fanden, musste die Notenbank einspringen und Geld drucken. Sie wollen diese Annehmlichkeiten zurückhaben, aber den Euro behalten, denn nur so kommen sie dank Deutschland in den Genuss der niedrigen Zinsen. Und das dumme Gerede von einer drohenden Deflation ist nur eine Scheindebatte, um Druck auf die Politik und die EZB zu machen. Aber voraussichtlich haben die Inflationsraten bereits weltweit ihre Tiefpunkte erreicht. Dafür sprechen die anziehende Konjunktur und steigende Öl- und Rohstoffpreise. Auch die höheren Lohnzuwächse werden sich schnell in den Verbraucherpreisen zeigen. Ein Anstieg der Inflationsraten ist aber Gift für Zinspapiere.

Aktien dagegen profitieren, denn das moderate Wirtschaftswachstum, steigende Unternehmensgewinne und extrem niedrige Zinsen bei üppiger Liquidität sind nahezu ideale Voraussetzungen für steigende Börsen. Im zweiten Halbjahr dürften daher Aktien im Aufwind sein, während besonders bei den Kursen langlaufender Anleihen der Abstieg droht.

Natürlich fragen sich Anleger nach fünf Jahren Aktienaufschwung, ob es nicht Zeit sei, auszusteigen, und sehr viele, die die Hausse versäumt haben, ob es sich lohne, noch einzusteigen. Manche warten auf einen baldigen Crash. Darauf warten sie auf mittlere Sicht aber vergeblich. Aktien sind zwar nicht mehr ganz billig, aber auch noch nicht zu teuer. Zudem herrscht, trotz der Rekordstände, keine Hochstimmung.

Und wo sind noch preiswerte Märkte? In erster Linie die Emerging Markets, die seit über drei Jahren seitwärts gelaufen sind, während die Aktien der Industrieländer in der gleichen Zeit um 45 Prozent zugelegt haben. Die Schwellenländer sind rund 30 Prozent billiger als die Industrieländer. Auch die Bewertung europäischer Aktien ist noch moderat. Sie liegt rund zehn Prozent unter dem historischen Durchschnitt.

Die Börse ist jedoch keine Einbahnstraße. Die geringe Volatilität vermittelt eine trügerische Ruhe. Es gibt genug politische Anlässe für eine Korrektur. Auch die Diskussion über den Zeitpunkt der ersten Zinserhöhung in den USA könnte heftige Schwankungen auslösen. Etwaige Börsenkorrekturen sollten Anleger aber nicht zu ängstlichen Verkäufen, sondern als Chance zum günstigen Einstieg nutzen.