Kolumne_Die Welt_16.08.2014

Ein Ausweg aus dem Anlagenotstand

Index-Fonds bieten Anlegern derzeit einen Ausweg

Seit Jahren schon herrscht in Deutschland der Anlagenotstand – aber spätestens seit Donnerstag dieser Woche ist daraus eine Anlagekatastrophe geworden. Erstmals ist die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe unter die Ein-Prozent-Marke abgestürzt. Fünfjährige Staatstitel bringen nur noch lächerliche 0,2 Prozent. Als die Renditen noch doppelt so hoch lagen wie jetzt, sprachen Experten schon von Enteignung der Sparer oder – wissenschaftlich ausgedrückt – finanzieller Repression. Wahrscheinlich muss man jetzt ein neues Wort erfinden für diesen Zins-Kahlschlag. Da es ja auch für Bankeinlagen kaum noch Zinsen gibt, wird die Lage für die Sparer immer aussichtsloser. Zumal auch die Lebensversicherung mit jedem Renditerückgang in Not gerät.

Es sieht ganz danach aus, dass diese renditelose Phase noch längere Zeit andauern wird. Sparer, die bisher vergebens auf höhere Zinsen gehofft haben, müssen nach anderen Alternativen suchen. Und die gibt es: Aktien, die von der Mehrheit der deutschen Anleger bisher verschmäht wurden, bieten sich als die beste Lösung an. Aber wie soll Otto Normalsparer an dieses Hexenwerk "Aktie" herangehen, mit dem er schon so oft hereingefallen ist? Inzwischen haben die deutschen Anleger nur noch sieben Prozent ihres Geldvermögens in Aktien investiert, aber etwa 75 Prozent in nahezu renditelose Zinsanlagen. Wir reden immer von einzelnen Aktien und wie mühevoll es ist, sie auszuwählen, sie zu überwachen und wieder rechtzeitig auszusteigen. Es gibt doch kaum einen Anlageberater, dem nicht schon beim kleinsten Gewinn von fünf oder zehn Prozent über die Lippen kommt, jetzt Gewinne mitzunehmen. Was für ein Blödsinn!

Doch es gibt eine einfache Lösung, mit der man der bisherigen, oft frustrierenden Anlagepraxis mit Aktien entgeht. Das ist die wunderbare Erfindung der immer populärer werdenden ETFs – das sind börsengehandelte Indexfonds.

Praktisch ausgedrückt: Man erwirbt mit einer einzelnen Aktie ein ganzes Paket von Aktien, beispielsweise 30 Titel des Dax oder 30 Titel des US-Dow Jones. Es gibt inzwischen eine große internationale Auswahl von ETFs in allen Varianten. Professor Eugene Fama, einer der Nobelpreisträger des Jahres 2013, gilt als der geistige Vater dieser Indexfonds. Mit diesen Vehikeln kann man ohne großen Aufwand ein internationales Wertpapierdepot zusammenstellen, das breit diversifiziert ist und dadurch ein deutlich geringeres Risiko aufweist als ein Depot mit Einzeltiteln. Und das zu geringen Kosten. Die Kaufpanik bei Anleihen in den letzten Tagen wurde ausgelöst von schwächeren Konjunkturdaten rings um die Welt. Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal geschrumpft. Insgesamt läuft es in der ganzen Eurozone etwas schlechter: Italien rutschte in die Rezession und die französische Wirtschaft stagniert. Schließlich hat sich auch in China das Wachstum bei der Industrieproduktion und im Servicesektor verlangsamt.

Einzig in Amerika geht es in allen Bereichen aufwärts. Der Dienstleistungssektor ist im Juli mit dem höchsten Tempo seit Dezember 2005 gewachsen. Die weltgrößte Volkswirtschaft zeigt zunehmende Dynamik und ist, wie schon so oft, wieder die Wachstumslokomotive. Ein Boom ist weit und breit nicht in Sicht. Deshalb werden die Notenbanken länger als bisher gedacht eine lockere Geldpolitik beibehalten, vor allem in Europa wird die Nullzinspolitik noch lange andauern. Mäßiges Wachstum, tiefe Zinsen und eine übermäßige Liquidität ist ein nahezu ideales Umfeld für Aktien. Sparer, die bisher vergebens auf höhere Zinsen gehofft haben, sollten die Korrektur an den Aktienbörsen als Chance nutzen, wenigstens einen Teil ihrer Ersparnisse rentabler anzulegen.

Aktien sind zwar auch nach dem Rückschlag nicht mehr ganz billig, aber sie sind auch noch nicht zu teuer.

Die Bewertungen der meisten Indizes, gemessen am Kurs-/Gewinn-Verhältnis (KGV) liegen wieder um einiges unterhalb ihres historischen Durchschnitts. Die Dividendenrenditen von Aktien sind mit zwei bis fünf Prozent gegenüber den lächerlichen ein Prozent einer zehnjährigen Bundesanleihe mehrfach so hoch.

Mehr denn je ist es jetzt geboten, international anzulegen und sich nicht auf Dax- oder M-Dax-Werte zu beschränken. Im Gegenteil, wegen der für die deutsche Wirtschaft nachteiligen sozialpolitischen Beschlüsse der großen Koalition sollte man Deutschland untergewichten. Ich kann mir gut vorstellen, dass gegen Ende des Jahres die alten Höchststände an den Börsen sogar übertroffen werden.