Kolumne_Die Welt_30.09.2014

Trotz aller Krisen – die Zeit für Aktien ist günstig

Angstbarometer ist weit davon entfernt, Alarm zu schlagen

Der September gilt traditionell als der schlechteste Börsenmonat überhaupt. Doch dieses Jahr hat er der Statistik getrotzt und hat sich ungeachtet aller Krisen vergleichsweise freundlich gezeigt. Das Zeitfenster für günstige Einstiegsmöglichkeiten bei Aktien, das zu nutzen ich immer wieder geraten hatte, war nur vier Wochen geöffnet. Viele Anleger haben sich aber von Aktien ferngehalten, weil sich die Krisen ringsum häuften. An vorderster Stelle standen die Sanktionen gegen Russland und mögliche Gegenreaktionen. Hinzu kamen konjunkturelle Sorgen.

In der Euro-Zone herrscht in der Tat Stagnation. Italien steckt in der Rezession, Frankreichs Wachstum liegt bei Null und sogar in Deutschland war es im 2. Quartal negativ. Der Ifo-Konjunkturindex ist schon seit Monaten in Folge rückläufig. Auch in China und Japan schwächelt die Wirtschaft. Bei so vielen wirtschaftlichen und politischen Unwägbarkeiten wäre doch nur vernünftig, dass die Börse auch auf der Stelle tritt und wartet, was kommt. Oder nicht? Nein. Börse und Wirtschaft gehen selten im Gleichschritt. Die Börse schaut in die Zukunft. Als Faustregel gilt, dass sie die wirtschaftliche Entwicklung etwa sechs bis neun Monate vorwegnimmt.

Um eine wirtschaftliche Stagnation zu überwinden, haben die Notenbanken derzeit freie Hand. Die Rohstoffpreise fallen, allen voran der Ölpreis, der auf Zweijahrestief notiert. Als Folge ist die Inflationsrate weltweit sehr niedrig. In der Euro-Zone tendiert sie gegen Null, in Deutschland beträgt sie 0,8 Prozent, in den USA 1,7 Prozent und auch in China nur zwei Prozent. Dort hat jetzt die Regierung ein Konjunkturprogramm in Höhe von 81 Milliarden Dollar zur Stützung des Banksektors beschlossen. In den USA hat die Fed klar gemacht, dass die Nullzinspolitik noch für eine beträchtliche Zeit beibehalten werde. Das Fed-Programm zum Kauf von Staats- und Hypothekenanleihen soll zwar im Oktober auslaufen, aber fällige Anleihen werden reinvestiert bis zur ersten Zinsanhebung. Die wird erst etwa Mitte 2015 erwartet. Die Geldflut von 4,2 Billionen Dollar – die aktuelle Bilanzsumme der Fed – bleibt also bestehen und wird erst eingedämmt, wenn die Konjunktur in den USA und in der Welt stärker anzieht.

In der Euro-Zone besteht der größte Handlungsbedarf. Aber gerade hier, wo die Not am größten ist, hat die EZB nicht die Wahl, nach Gutdünken zu handeln. Wie verzwickt die Lage sein muss, lässt sich daran ablesen, dass sie von den Banken, vorwiegend in Italien und Spanien, verbriefte Kredite, die unter dem Fachbegriff ABS (Asset-Backed Securities) firmieren, kaufen will. Sie gelten als Auslöser der Finanzkrise. Es herrscht daher Streit darüber, welche Qualitätsanforderungen die Papiere haben müssen, die die EZB kauft. Bundesbankpräsident Jens Weidmann hat denn auch im EZB-Rat dagegen gestimmt. Ramschanleihen dürfen es nicht sein, sonst steht die Glaubwürdigkeit der EZB auf dem Spiel. Wenn aber nur ABS-Papiere mit guter Bonität in Frage kommen, bleiben den Banken ihre Ramschanleihen, und der Zweck der Maßnahme, die Banken zu größerer Kreditvergabe zu befähigen, wird verfehlt. Da sowohl Italien als auch Frankreich kategorisch weitere Sparanstrengungen und Strukturreformen verweigern, spitzt sich in der Euro-Zone die Lage gefährlich zu. Es ist nicht auszuschließen, dass in naher Zukunft die Krise wieder aufflammt. Daher ist es umso wichtiger, bei der Gestaltung eines Wertpapierdepots international breit gestreut anzulegen. Der Kauf von Staatsanleihen mit guter Bonität lohnt sich bei ein Prozent Rendite für zehnjährige Bundesanleihen nicht. Aktien sind nach über fünf Jahren Börsenaufschwung zwar nicht mehr billig, aber auch noch nicht zu teuer. Die meisten Indizes liegen, gemessen an ihrem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), noch unterhalb ihrer durchschnittlichen historischen Bewertung.

Am billigsten sind die Schwellenländer. China weist ein KGV von nur etwa neun auf. Der Dax ist mit knapp 14 ebenfalls moderat bewertet. Teurer sind US-Aktien mit einem KGV von gut 16. Auch die Dividendenrendite ist attraktiv. Beim Dax sind es fast drei Prozent, also dreimal mehr als bei einer zehnjährigen Bundesanleihe. Wie geht es an den Börsen weiter? Eine interessante Beobachtung ist, dass die Volatilität trotz Unsicherheiten und Krisen niedrig blieb. Das Angstbarometer VDax notiert nahe dem Tiefpunkt. Das ist ein zuverlässiger Indikator dafür, dass die Börse als Nächstes nach oben strebt. Denn die Volatilität nimmt in der Regel vor Kursspitzen erheblich zu, nicht ab, wie derzeit. Bis die Schwankungen Gefahr anzeigen, kann noch viel Zeit vergehen.