Kolumne_Die Welt_12.06.2014

Sparer müssen über das „Teufelszeug“ nachdenken

Anlagenotstand: Es führt kein Weg mehr an Aktien vorbei

Ein Kursfeuerwerk lösten die beispiellosen geldpolitischen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht gerade aus, obwohl der Dax erstmals die Marke von 10.000 Punkten übersprang. Die EZB senkte den Leitzins von 0,25 Prozent auf 0,15 Prozent und verlangt von den Banken, die Geld bei ihr parken, einen Strafzins von 0,1 Prozent. Zudem pumpt die EZB bis zu 400 Milliarden Euro in die Banken. Anders als bei der Billion Euro vor zweieinhalb Jahren sind diese Notenbankkredite diesmal aber zweckgebunden. Die EZB will die Banken dazu animieren, Kredite vor allem an kleine und mittlere Betriebe in Südeuropa zu vergeben.

Als erste große Notenbank der Welt hat die EZB einen Negativzins eingeführt. Solche verzweifelten Maßnahmen passen vielleicht in eine schlimme Krisensituation – aber die ist ja, wenn man den Beteuerungen unserer Politiker vor der Europawahl Glauben geschenkt hätte, weit und breit nicht zu sehen. Doch plötzlich, keine zwei Wochen danach, kann sich Finanzminister Schäuble ein drittes Hilfspaket für Griechenland vor-stellen, Frankreich rutscht immer tiefer in die Misere, in Portugal kippt das höchste Gericht eine Sparmaßnahme nach der anderen, in Italien wird wenig getan, aber dafür ein Ende des Sparens gefordert und selbst Spanien muss mit einem Konjunkturprogramm seine Wirtschaft anschieben.

Nach den Wahlerfolgen der EU-Kritiker wissen jetzt die Politiker aus den Nehmer- wie aus den Geberländern, was die Stunde geschlagen hat: Weniger Reformpolitik, mehr Wirtschaftswachstum und mehr Jobs sind gefragt. Sonst droht die Zustimmung für Euro-Rettungspakete zu kippen.

Dann könnte passieren, wovor Marine Le Pen, die Chefin der rechtsnationalen Front Nationale, gewarnt hat: Es könnte zu einer „Explosion der EU“ kommen. Mit ihren Maßnahmen zieht die EZB beileibe nicht, wie sie behauptet, vorwiegend gegen die angeblich drohende Deflation zu Felde. Das ist ein vorgeschobenes Argument, um ihr gewagtes Spiel zu rechtfertigen. Ihr eigentliches Ziel ist, Wachstum um jeden Preis zu erzwingen – natürlich für die Krisenstaaten, denen das Euro-Korsett zu eng ist. Sie zielen auf einen schwächeren Euro und eine höhere Inflation, weil das Unternehmen helfen und schmerzhafte Reformen ersparen soll.

Auf der anderen Seite wird die Nullzins- Politik die Sparer hart treffen, die real noch mehr verlieren werden als jetzt schon. Diese Enteignung nimmt dann dramatische Züge an, wenn die Inflation wieder zulegt, was die EZB ja mit allen Mitteln anstrebt. Es ist daher höchste Zeit für die Sparer, für die Aktien bisher Teufelszeug waren, endlich darüber nachzudenken und ihr Erspartes vor Entwertung zu schützen. Denn die EZBBeschlüsse liefern den Börsen Treibstoff. Das Versprechen, die Zinsen länger nahe null zu lassen und die massiven Liquiditätshilfen noch später auslaufen zu lassen als bisher angenommen, ist wie ein Freibrief für eine Fortsetzung der Rekordjagd an den Börsen. Auch andernorts gibt es gute Nachrichten: In den USA kommt die Wirtschaft nach dem Wintereinbruch wieder in Fahrt und in China scheint die Konjunktur zu drehen, dank einer Lockerung der Geldpolitik.

An Aktien führt also kein Weg vorbei. Anleger sollten sich aber nicht auf deutsche Aktien beschränken, denn die könnten langfristig weniger stark steigen als die der Euro-Problemstaaten und der Schwellenländer.

Dafür sorgt schon die Koalition, deren Politik im In- und Ausland zunehmend auf Unverständnis stößt, weil sie die dank der mutigen Reformen des früheren Bundeskanzlers Schröder gewonnene Wettbewerbsfähigkeit fahrlässig mit Rentengeschenken, Mindestlohn und sonstigen Wohltaten mindert. Das werden viele ausländische Anleger nach und nach in ihrem Investmententscheidungen berücksichtigen.

Die große Koalition ist bei gleichzeitig florierender Wirtschaft, vollen Sozialkassen und ohne nennenswerte Opposition ein politischer Unglücksfall und an der Börse von Nachteil. Generell wird sich international der Aufwärtstrend fortsetzen. Aktien sind zwar nicht mehr ganz billig, aber sie sind auch noch nicht zu teuer, denn auch die Unternehmensgewinne steigen. Sie betrugen beim Dax umgerechnet etwa 300 Punkte im Jahr 2000 und für dieses Jahr werden mehr als 700 Punkte erwartet. Das Gewinnwachstum wird auf zehn bis 15 Prozent geschätzt. Damit sind die Kurse fundamental gut unterfüttert, und die Aktiendividende von etwa drei Prozent ist doppelt so hoch wie die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen. Am billigsten sind aktuell Schwellenländeraktien, besonders China, Brasilien und Russland.